Zukunftsvision der Bankgeschäfte mit Crypto Valley Technologien
Veröffentlicht am Mai 17, 2024

Das Smartphone quillt über vor Apps: eine für die Bank, eine für die Bezahlung, eine für die Krankenkasse und bald vielleicht noch eine für die digitale Identität. Jede App ein eigenes Silo, jede verlangt nach Daten, und der Überblick, wer was weiss, geht schleichend verloren. Dieses digitale Unbehagen ist für viele Schweizerinnen und Schweizer zum Alltag geworden. Man spürt, dass sich technologisch viel bewegt, doch die konkreten Vorteile für das eigene Leben bleiben oft diffus und werden von Schlagzeilen über Jobverluste durch KI oder komplexe Blockchain-Skandale überschattet.

Die gängige Diskussion bleibt oft an der Oberfläche. Man hört, „Blockchain ist die Zukunft“ oder „KI wird alles verändern“, ohne zu verstehen, was das für die jährliche Steuererklärung oder den Einkauf am Samstagmorgen bedeutet. Doch was, wenn der wahre Umbruch nicht in grossen, lauten Disruptionen stattfindet, sondern in der stillen Neugestaltung der unsichtbaren Mechanismen, die unser digitales Leben steuern? Der Schlüssel liegt nicht darin zu wissen, *dass* sich etwas ändert, sondern *wie* – durch Konzepte wie Self-Sovereign Identity (SSI) oder Zero-Knowledge Proofs (ZKP), die direkt aus den Innovationslaboren des Schweizer Crypto Valley stammen.

Dieser Artikel bricht mit den Allgemeinplätzen. Wir tauchen ein in die konkreten Technologien, die heute in Zug, Zürich und der ganzen Schweiz entwickelt werden. Wir entschlüsseln, wie diese Innovationen nicht nur Ihr Banking, sondern auch Ihre Privatsphäre und Ihren Arbeitsalltag fundamental neu gestalten werden. Von der sicheren Einrichtung Ihrer zukünftigen E-ID bis hin zur Frage, welche Bezahl-App Ihre Daten wirklich schützt, erhalten Sie einen pragmatischen Einblick in eine Zukunft, die bereits begonnen hat – und wie Sie darin die Kontrolle behalten.

Um diese tiefgreifenden Veränderungen zu verstehen, beleuchten wir die entscheidenden Aspekte Schritt für Schritt. Die folgende Übersicht führt Sie durch die zentralen Themen, von den globalen Tech-Hubs in der Schweiz bis zu den praktischen Automatisierungen für Ihren Alltag.

Warum globale Tech-Riesen ihre Forschungszentren bevorzugt in Zürich ansiedeln?

Es ist kein Zufall, dass die Limmatstadt zu einem Epizentrum für globale Technologiekonzerne geworden ist. Der Grund geht weit über die malerische Kulisse hinaus und wurzelt in einem einzigartigen Ökosystem. Die Schweiz, und insbesondere der Wirtschaftsraum Zürich, bietet eine seltene Kombination aus politischer Stabilität, einem hochkarätigen Talentpool von Hochschulen wie der ETH Zürich und einer pragmatischen, innovationsfreundlichen Regulierung. Für Unternehmen, die an der vordersten Front von KI und Blockchain forschen, ist dieses Umfeld Gold wert. Jennifer Wadsworth, Forschungskoordinatorin am AI Center der ETH Zürich, bringt es auf den Punkt: „Switzerland is one of Google’s most important research locations in the world.“

Diese Konzentration von Talent und Kapital schafft einen sich selbst verstärkenden Kreislauf. Globale Player wie Google investieren nicht nur in Büroflächen, sondern auch massiv in die Ausbildung und Forschung vor Ort. Die enge Zusammenarbeit mit lokalen Institutionen fördert einen ständigen Austausch zwischen akademischer Grundlagenforschung und kommerzieller Anwendung. Das Ergebnis sind nicht nur theoretische Durchbrüche, sondern auch ganz konkrete Produkte und Dienstleistungen, die von hier aus die Welt erobern und gleichzeitig den digitalen Alltag in der Schweiz prägen. Die Entwicklung von fortschrittlichen Datenschutztechnologien oder KI-Modellen findet hier quasi vor der Haustür statt.

Ein diverses Team von Technologie-Experten arbeitet gemeinsam in einem modernen Zürcher Büro mit Blick auf die Stadt und visualisiert so die KI-Entwicklung im Google Forschungszentrum.

Diese Synergie zwischen globalen Konzernen und lokaler Exzellenz ist der Nährboden für die Technologien, die in den nächsten Abschnitten diskutiert werden. Die hier ansässigen Ingenieure und Forscher arbeiten an den Algorithmen, die morgen entscheiden, wie sicher unsere digitale Identität ist oder wie effizient unsere Bankgeschäfte abgewickelt werden. Der Standortvorteil Zürichs ist somit kein abstrakter Wirtschaftsfaktor, sondern die konkrete Geburtsstätte der digitalen Werkzeuge von morgen.

Wie Sie die E-ID sicher einrichten, um Behördengänge komplett digital zu erledigen?

Die erste Vorlage für eine Schweizer E-ID scheiterte 2021 an der Urne, nicht zuletzt wegen Bedenken bezüglich Datenschutz und der Rolle privater Unternehmen. Eine Studie zeigt, dass die Vorlage damals mit 64,4% der Stimmen abgelehnt wurde, ein klares Misstrauensvotum. Die neue, staatlich herausgegebene E-ID, die ab 2026 verfügbar sein soll, zieht daraus die Lehren und setzt auf eine Technologie, die den Spiess umdreht: Self-Sovereign Identity (SSI). Das Prinzip ist einfach: Nicht ein zentraler Server, sondern Sie allein kontrollieren Ihre Daten auf Ihrem eigenen Gerät, typischerweise Ihrem Smartphone.

Stellen Sie sich Ihre E-ID wie eine digitale Brieftasche vor. Darin befinden sich verifizierte Nachweise – Ihr Alter, Ihr Wohnort, Ihr Führerschein –, die von staatlichen Stellen digital „gestempelt“ wurden. Wenn Sie nun online Ihr Alter nachweisen müssen, senden Sie nicht Ihren gesamten Pass, sondern nur den kryptografisch gesicherten Nachweis „älter als 18“. Die Gegenstelle kann die Echtheit dieses Nachweises prüfen, ohne weitere persönliche Daten von Ihnen zu erhalten. Dieser Paradigmenwechsel von der Datenpreisgabe zur reinen Verifizierung ist das Herzstück der neuen, sicheren E-ID. Er ermöglicht komplett digitale Behördengänge, vom Umzug bis zur Steuererklärung, ohne die eigene Privatsphäre zu kompromittieren.

Ihr Fahrplan zur sicheren E-ID: Die zentralen Schritte

  1. Wallet-App herunterladen: Laden Sie die offizielle E-ID-Wallet-App des Bundes herunter, sobald diese ab 2026 verfügbar ist. Dies ist Ihr persönlicher, verschlüsselter Datentresor.
  2. Identität verifizieren: Lassen Sie Ihre Identität einmalig mit Ihrem bestehenden Schweizer Pass oder Ihrer ID-Karte in einem staatlichen Erfassungszentrum oder über einen sicheren Online-Prozess verifizieren.
  3. Biometrie lokal speichern: Richten Sie biometrische Merkmale wie Fingerabdruck oder Gesichtsscan ein. Diese werden ausschliesslich lokal und verschlüsselt auf Ihrem Gerät gespeichert und dienen dem Zugriff auf Ihre Wallet.
  4. Selektive Datenfreigabe verstehen: Machen Sie sich mit den Zero-Knowledge-Protokollen vertraut. Die App wird Sie bei jeder Anfrage fragen, welche spezifische Information (z.B. nur das Alter, nicht der Name) Sie freigeben möchten.
  5. Mit Diensten verbinden: Verbinden Sie Ihre E-ID mit dem AGOV-Portal des Bundes, um eine wachsende Zahl von Behördendiensten sicher und vollständig digital nutzen zu können.

Die Einrichtung der neuen E-ID wird bewusst einfach gehalten, doch das Verständnis der dahinterliegenden SSI-Prinzipien ist entscheidend, um das volle Potenzial dieser Technologie souverän zu nutzen. Es ist der Schritt von einem passiven Datenlieferanten zu einem aktiven Gestalter der eigenen digitalen Identität.

TWINT oder Apple Pay: Welche Lösung bietet mehr Datenschutz für Schweizer Nutzer?

Im Alltag stehen Schweizer Nutzer oft vor der Wahl: die App der heimischen Banken, TWINT, oder die global integrierte Lösung von Apple Pay. Beide sind bequem, doch unter der Haube arbeiten sie nach fundamental unterschiedlichen Datenschutz-Philosophien. Die Entscheidung hängt davon ab, wem Sie Ihre Daten anvertrauen: einem Konsortium von Schweizer Banken oder einem US-Tech-Giganten. Doch die wirklich spannende Entwicklung aus dem Crypto Valley kündigt bereits eine dritte, radikal andere Alternative an: dezentrale Zahlungen.

Der folgende Vergleich zeigt die zentralen Unterschiede auf. Während TWINT die Datenhoheit bei den Schweizer Banken belässt, die der FINMA-Regulierung unterstehen, fliessen bei Apple Pay Transaktionsmetadaten in das globale Ökosystem von Apple. Die Zukunftsvision, die im Crypto Valley entwickelt wird, zielt darauf ab, den Mittelsmann – egal ob Bank oder Tech-Konzern – ganz auszuschalten.

Datenschutz-Vergleich von Zahlungssystemen
Kriterium TWINT Apple Pay Stablecoin-Zahlungen (Zukunft)
Datenspeicherung Banken-Konsortium Schweiz Apple-Ökosystem Dezentral auf Blockchain
Transaktionsdaten-Zugriff Schweizer Banken Apple Inc. Nur Wallet-Inhaber
Zero-Knowledge-Proofs Nein Nein Ja (möglich)
Regulierung FINMA Mehrere Jurisdiktionen In Entwicklung

Die Tabelle verdeutlicht: Die wahre Revolution liegt in der Möglichkeit von dezentralen Zahlungen. Hierbei würden Transaktionen direkt zwischen den Wallets der Nutzer über eine Blockchain abgewickelt, oft unter Verwendung von Stablecoins (Kryptowährungen, die an den Wert des Schweizer Frankens gekoppelt sind). Durch den Einsatz von Zero-Knowledge-Proofs könnte eine Zahlung bestätigt werden, ohne Details wie Absender, Empfänger oder Betrag preiszugeben. Dies bietet ein Mass an Privatsphäre, das weder TWINT noch Apple Pay derzeit erreichen können. Dass selbst traditionelle Institute wie die Zuger Kantonalbank ihr Krypto-Angebot stetig erweitern, zeigt, dass die Grenzen zwischen klassischem Banking und dezentraler Finanzwelt zunehmend verschwimmen.

Die Sicherheitslücke im Smart Home, die Hacker am häufigsten ausnutzen

Die grösste Schwachstelle in den meisten Smart-Home-Systemen ist nicht eine einzelne schlecht gesicherte Kamera oder ein ungeschütztes Türschloss. Es ist der zentrale Hub, über den alle Geräte kommunizieren und der oft mit einem Cloud-Konto des Herstellers verbunden ist. Dieser einzelne Punkt stellt ein hochattraktives Ziel für Angreifer dar: Gelingt es ihnen, diesen zentralen Knoten zu kompromittieren, erlangen sie potenziell Kontrolle über das gesamte Netzwerk – von den Lichtern über die Heizung bis hin zu den Sicherheitskameras. Die Daten aller vernetzten Geräte laufen hier zusammen und werden oft unzureichend geschützt an die Server des Anbieters gesendet.

Genau hier setzen die im Crypto Valley entwickelten Lösungsansätze an. Statt auf einen zentralen, verwundbaren Hub zu setzen, erforschen Unternehmen dezentrale Architekturen für das Internet der Dinge (IoT). In einem solchen System kommunizieren die Geräte direkt miteinander (Peer-to-Peer) über ein verschlüsseltes, verteiltes Netzwerk, das durch Blockchain-Technologie abgesichert wird. Jedes Gerät hätte seine eigene, sichere Identität. Ein Befehl wie „Licht ausschalten“ würde nicht über einen Server in den USA laufen, sondern als signierte, verifizierbare Transaktion direkt im lokalen Netzwerk validiert werden. Dies eliminiert den zentralen Angriffspunkt und stellt sicher, dass die Daten das eigene Zuhause nicht verlassen.

Fallbeispiel: Dezentrale IoT-Sicherheit aus dem Crypto Valley

Das Crypto Valley, als führendes Blockchain-Ökosystem der Schweiz, fördert seit seiner Gründung 2017 aktiv die Entwicklung von dezentralen Technologien. Ein Kernbereich ist die Sicherheit im Internet der Dinge (IoT). Projekte, die hier entstehen, zielen darauf ab, die Abhängigkeit von zentralen Cloud-Anbietern zu reduzieren. Stattdessen wird ein Modell verfolgt, bei dem jedes Gerät eine eigene souveräne Identität auf einer Blockchain besitzt. Dies ermöglicht eine sichere, verschlüsselte Kommunikation direkt zwischen den Geräten und verhindert, dass ein einziger erfolgreicher Hackerangriff das gesamte Smart Home lahmlegt oder ausspioniert.

Für den Nutzer bedeutet dieser Wandel eine massive Verbesserung von Sicherheit und Privatsphäre. Die Abhängigkeit von einem einzigen Hersteller und dessen Sicherheitsvorkehrungen sinkt. Stattdessen basiert die Sicherheit auf robuster, transparenter und dezentraler Kryptografie. Die Kontrolle über das eigene Zuhause kehrt dorthin zurück, wo sie hingehört: zum Bewohner.

Wann KI Ihren Job im Dienstleistungssektor ergänzen statt ersetzen wird?

Die Angst, dass künstliche Intelligenz (KI) menschliche Arbeitskräfte, insbesondere im Dienstleistungssektor wie der Bankberatung, vollständig ersetzen wird, ist weit verbreitet. Doch die Realität, die sich in den Fintech-Unternehmen des Crypto Valley abzeichnet, ist eine andere und weitaus nuanciertere: die der Augmentation. KI wird nicht primär als Ersatz, sondern als leistungsstarkes Werkzeug gesehen, das menschliche Berater von Routineaufgaben befreit und ihnen ermöglicht, sich auf das zu konzentrieren, was Menschen am besten können: komplexe, strategische und empathische Beratung.

In der Praxis bedeutet das: KI-Systeme übernehmen die zeitaufwendige Analyse von Dokumenten, die Überprüfung von Compliance-Vorschriften oder die Auswertung riesiger Datenmengen zur Risikoerkennung. Der menschliche Berater muss diese Aufgaben nicht mehr manuell erledigen. Stattdessen erhält er eine von der KI aufbereitete, fundierte Entscheidungsgrundlage. Seine Rolle verlagert sich vom Datensammler zum strategischen Interpreten. Er kann seine Zeit nutzen, um mit Kunden komplexe Anlagestrategien im Bereich dezentraler Finanzen (DeFi) zu besprechen oder personalisierte Finanzpläne zu entwickeln, die über standardisierte Empfehlungen hinausgehen. Laut einer Studie von UBS können durch Technologien wie Tokenisierung und Smart Contracts Finanzprozesse bereits heute effizienter und transparenter gestaltet werden, was die Basis für solche neuen Beratungsmodelle legt.

Abstrakte kristalline Strukturen, die Datenmuster und neuronale Netze andeuten und die Unterstützung eines Finanzberaters durch KI bei DeFi-Strategien symbolisieren.

Die KI demokratisiert den Zugang zu hochwertiger Finanzanalyse, während der Mensch die entscheidende „letzte Meile“ der Interpretation, des Kontexts und der vertrauensvollen Kundenbeziehung abdeckt. Der Job wird also nicht ersetzt, sondern er entwickelt sich weiter. Die Kompetenzen, die in Zukunft gefragt sind, sind weniger die Fähigkeit, Daten zu verarbeiten, als vielmehr die Fähigkeit, die Ergebnisse von KI-Systemen kritisch zu hinterfragen und in einen menschlichen Kontext zu übersetzen.

Warum ein zentraler Hub stabiler läuft als 20 einzelne Apps auf Ihrem Handy?

Ein zentraler, dezentral aufgebauter Wallet-Hub läuft stabiler und sicherer als eine Ansammlung von 20 einzelnen Apps, weil er Komplexität an der Wurzel reduziert. Jede einzelne App auf Ihrem Smartphone ist ein potenzielles Sicherheitsrisiko, verbraucht eigene Ressourcen und muss separat gewartet und aktualisiert werden. Ein Hub-Modell, wie es mit der E-ID-Wallet angestrebt wird, bündelt diese Funktionen auf einer einheitlichen, optimierten und hochsicheren Plattform. Statt 20 Türen zu bewachen, müssen Sie nur noch eine einzige, aber dafür massiv verstärkte Tür sichern.

Dieser Ansatz bietet nicht nur für den Nutzer, sondern auch für das gesamte digitale Ökosystem immense Vorteile. Die Interoperabilität – also die Fähigkeit verschiedener Systeme, nahtlos miteinander zu kommunizieren – wird massiv verbessert. Der folgende Vergleich verdeutlicht die Überlegenheit des Hub-Ansatzes in den entscheidenden Bereichen Sicherheit, Effizienz und Wartbarkeit.

Zentraler Hub im Vergleich zu multiplen Apps
Aspekt 20 einzelne Apps Dezentraler Wallet-Hub
Ressourcenverbrauch Hoch (jede App eigene Prozesse) Optimiert (gemeinsame Infrastruktur)
Datensicherheit Fragmentiert Einheitlich verschlüsselt
Interoperabilität Limitiert IBC-Protokoll ermöglicht
Update-Management 20 separate Updates Ein zentrales Update

Das Konzept des „Hubs“ ist mehr als nur eine technische Spielerei; es ist eine Antwort auf die unkontrolliert wuchernde App-Landschaft. Anstatt für jede Interaktion – Banking, Shopping, Behördengang – eine neue App mit einem neuen Login und neuen Datenschutzbestimmungen zu benötigen, authentifizieren Sie sich einmal über Ihren sicheren Hub. Dieser verwaltet dann die kryptografischen Schlüssel und die Kommunikation mit den verschiedenen Diensten, ohne Ihre Rohdaten preiszugeben. Interoperabilitätsprotokolle wie das Inter-Blockchain Communication Protocol (IBC) ermöglichen dabei sogar die sichere Kommunikation zwischen verschiedenen Blockchains, was die Vision eines universellen digitalen Hubs Realität werden lässt.

Was passiert mit Ihrem Selfie, wenn Sie es zur Analyse hochladen?

Wenn Sie heute ein Selfie zur Identitätsprüfung hochladen, wird das Bild in der Regel an einen Server gesendet, dort analysiert und mit Ihrem Ausweisdokument abgeglichen. Ihre biometrischen Daten verlassen also Ihr Gerät und liegen – wenn auch nur vorübergehend – auf einem fremden Server. Dank Technologien aus dem Crypto Valley wird dieser Prozess in Zukunft fundamental anders und sicherer ablaufen. Die Antwort auf die Frage lautet dann: Mit Ihrem Selfie selbst passiert gar nichts, denn es verlässt Ihr Handy nicht mehr.

Möglich wird dies durch sogenannte Zero-Knowledge Proofs (ZKP). Vereinfacht gesagt, erlaubt diese kryptografische Methode den Beweis einer Tatsache, ohne die zugrunde liegende Information preiszugeben. Ihre E-ID-App kann lokal auf Ihrem Handy Ihr Live-Selfie mit dem im Passchip gespeicherten Foto abgleichen. Anschliessend erzeugt die App einen kryptografischen Beweis (den „Proof“), der nur besagt: „Ja, die Person vor der Kamera ist dieselbe wie die Person auf dem Ausweis.“ Nur dieser abstrakte mathematische Beweis wird an den Dienst gesendet. Ihr Selfie, Ihre Gesichtszüge und Ihre biometrischen Daten bleiben sicher auf Ihrem Gerät. Eine Studie zu neuen digitalen Identitäten bestätigt, dass Zero-Knowledge-Protokolle eine Authentifizierung ermöglichen, ohne dass sensible Daten das Gerät des Nutzers verlassen müssen.

Dieser Ansatz wird von führenden Schweizer Politikern und Experten als entscheidender Durchbruch für die Datensouveränität angesehen. Nationalrat Gerhard Andrey, eine treibende Kraft hinter der neuen, sicheren E-ID, fasst die Vision in einem Interview mit inside-it.ch prägnant zusammen:

Eine völlig dezentralisierte Architektur, welche fast keine Datenspuren hinterlässt.

– Nationalrat Gerhard Andrey, inside-it.ch zur neuen E-ID

Die ZKP-Technologie ist somit keine theoretische Spielerei, sondern der technische Kern, der es ermöglicht, die Bequemlichkeit digitaler Verifizierung mit einem Höchstmass an Privatsphäre zu vereinen. Sie müssen nicht mehr darauf vertrauen, dass ein Unternehmen Ihre sensibelsten Daten sicher speichert und wieder löscht – Sie geben sie gar nicht erst aus der Hand.

Das Wichtigste in Kürze

  • Kontrolle durch Technologie: Neue Mechanismen wie Self-Sovereign Identity (SSI) und Zero-Knowledge Proofs (ZKP) sind keine abstrakten Konzepte, sondern konkrete Werkzeuge, die Ihnen die Hoheit über Ihre persönlichen Daten zurückgeben.
  • Einfachheit statt Chaos: Dezentrale Hub-Systeme und Interoperabilität werden die Flut an Einzel-Apps eindämmen und Ihr digitales Leben durch einen einzigen, sicheren Zugangspunkt vereinfachen und stabilisieren.
  • Mensch-Maschine-Kollaboration: KI wird qualifizierte Arbeitskräfte im Dienstleistungssektor nicht ersetzen, sondern durch die Automatisierung von Routineaufgaben ergänzen und Freiräume für strategische und komplexe Beratungsleistungen schaffen.

Wie Sie mit einfachen Automatisierungen 30 Minuten Routinearbeit pro Tag einsparen?

Die Technologien aus dem Crypto Valley bieten weit mehr als nur Sicherheit und Datenschutz; sie sind auch ein mächtiger Hebel für Effizienz im Alltag. Die Einsparung von 30 Minuten pro Tag durch Automatisierung ist kein leeres Versprechen, sondern das Ergebnis der Kombination von Smart Contracts, dezentralen Oracles (Daten-Feeds) und KI-gestützter Analyse. Diese Werkzeuge ermöglichen es, manuelle Routineprozesse, die heute noch Zeit und Nerven kosten, vollständig zu automatisieren.

Denken Sie an die Verwaltung Ihres Finanzportfolios. Statt manuell Kurse zu prüfen und Handelsentscheidungen zu treffen, kann ein Smart Contract so programmiert werden, dass er automatisch eine Position anpasst, wenn ein bestimmtes Marktereignis eintritt. Oder im unternehmerischen Kontext: Rechnungen können automatisch bezahlt werden, sobald ein dezentrales Oracle die Lieferung einer Ware bestätigt. Für Kleinunternehmer kann die KI-gestützte Analyse von Cashflows automatisch auf Liquiditätsengpässe hinweisen, bevor sie kritisch werden. Das Rückgrat für diese Innovationen ist ein pulsierendes Ökosystem: Die Anzahl der Blockchain-Unternehmen in der Schweiz und Liechtenstein ist laut einer Erhebung auf 960 Blockchain-Unternehmen gestiegen, die kontinuierlich neue, anwenderfreundliche Automatisierungslösungen entwickeln.

Der erste Schritt zur Nutzung dieser Potenziale besteht darin, die eigenen Routinen zu identifizieren. Wo verbringen Sie wiederholt Zeit mit denselben, regelbasierten Aufgaben? Ob es die monatliche Erstellung von Spesenabrechnungen, die Überwachung von Zahlungszielen oder die Sortierung von digitalen Dokumenten ist – für viele dieser Aufgaben gibt es bereits heute oder in naher Zukunft intelligente, dezentrale Automatisierungslösungen. Der Gewinn ist nicht nur Zeit, sondern auch eine Reduzierung von menschlichen Fehlern und eine Verbesserung der finanziellen Übersicht.

Die Automatisierung von Routinen ist der greifbarste Vorteil der digitalen Transformation. Es ist ein entscheidender Schritt, die eigenen Prozesse zu analysieren und Automatisierungspotenziale zu erkennen.

Die Technologien, die im Crypto Valley entstehen, sind keine abstrakte Fiktion, sondern Werkzeuge, die Ihnen mehr Kontrolle, Sicherheit und Effizienz bieten. Der entscheidende Schritt ist, vom passiven Nutzer zum informierten Gestalter Ihres digitalen Lebens zu werden. Beginnen Sie noch heute damit, sich mit den Mechanismen hinter den Apps und Diensten, die Sie täglich nutzen, auseinanderzusetzen, um deren volles Potenzial für sich zu erschliessen.

Geschrieben von Thomas Inauen, Systemingenieur und Tech-Journalist mit Fokus auf Smart Home, Cybersecurity und Fintech. Spezialisiert auf die praktische Anwendung von IoT und Blockchain im Schweizer Alltag.