Minimalistische Schweizer Designästhetik mit reduzierten Formen und natürlichen Materialien
Veröffentlicht am Mai 10, 2024

Echtes Schweizer Design ist ein Statement durch Substanz, nicht durch Logos.

  • Funktionalität und Reduktion sind keine reinen Stilmittel, sondern eine tief verwurzelte Philosophie der Langlebigkeit.
  • Wahre Nachhaltigkeit zeigt sich in zirkulären Materialien und transparenter Produktion, nicht in leeren Versprechen.

Empfehlung: Investieren Sie in Stücke, deren Geschichte und Herstellung Sie kennen – das ist wahrer Luxus.

In einer Welt, in der Luxus oft laut und plakativ sein muss, gewinnt eine subtilere Form des Status an Bedeutung: das Understatement. Es geht nicht mehr nur darum, was man besitzt, sondern warum man es besitzt. Schweizer Design verkörpert diese Haltung seit jeher. Man denkt sofort an die klaren Linien eines USM-Möbels oder die zeitlose Eleganz einer Vitra-Kreation. Doch diese Ikonen sind nur die Spitze des Eisbergs.

Viele Ratgeber beschränken sich auf die grossen Namen oder wiederholen das Mantra des Minimalismus, ohne dessen Kern zu beleuchten. Sie preisen die Ästhetik der Reduktion, ohne die dahinterstehende Philosophie der Langlebigkeit und des bewussten Konsums zu erklären. Doch was, wenn der wahre „Swiss Style“ tiefer geht? Was, wenn er nicht nur ein Stil, sondern ein intellektueller Besitz ist – eine bewusste Entscheidung für Substanz statt nur für den Schein?

Dieser Artikel blickt hinter die Fassade des Klischees. Er stellt nicht nur fünf Labels vor, sondern entschlüsselt die DNA des Schweizer Designs, die auf Funktionalität, Langlebigkeit und einer fast schon radikalen Ehrlichkeit beruht. Wir tauchen ein in die Welt der innovativen Newcomer, der Pioniere des Upcyclings und der neuen Konsummodelle, die den Wert eines Objekts neu definieren. Es ist ein Guide für all jene, die Design nicht als Dekoration, sondern als Haltung verstehen.

Der folgende Leitfaden führt Sie durch die zentralen Aspekte, die Schweizer Design heute ausmachen, von seinen Grundprinzipien bis hin zu den zukunftsweisenden Trends, die die Branche prägen.

Warum Funktionalität und Reduktion die DNA des Schweizer Designs sind?

Die Essenz des Schweizer Designs lässt sich nicht auf eine blosse Ästhetik reduzieren; sie ist eine tief verwurzelte Philosophie. Im Kern steht der Gedanke, dass ein Objekt seine Funktion perfekt und ohne überflüssige Ornamente erfüllen muss. Diese „Philosophie des Weglassens“ ist kein Trend, sondern das Resultat einer langen Tradition, die von Präzision, Effizienz und einer hohen Wertschätzung für Material und Handwerk geprägt ist. Es geht darum, ein Problem auf die eleganteste und direkteste Weise zu lösen. Ein gutes Design drängt sich nicht auf, sondern wird zu einem selbstverständlichen, verlässlichen Teil des Alltags.

Diese Haltung manifestiert sich in einer Kultur der Langlebigkeit. Anstatt auf kurzlebige Trends zu setzen, werden Produkte geschaffen, die Generationen überdauern sollen – sowohl materiell als auch ästhetisch. Ein Beispiel ist die Verwendung von robusten Materialien, die in Würde altern. So wird auch bei gebrauchten Werkstoffen auf deren Strapazierfähigkeit geachtet, wie bei den Taschen von FREITAG: Die LKW-Planen haben bereits ein Leben auf der Strasse hinter sich und ihre Robustheit garantiert eine lange Zukunft als Tasche.

Die Konzentration auf das Wesentliche hat auch eine ökologische Dimension. Weniger Material und eine auf Langlebigkeit ausgerichtete Produktion schonen Ressourcen. Dies wird durch eine Gesetzgebung untermauert, denn kaum ein Land verfügt über so strenge Umweltschutzgesetze wie die Schweiz, was sich auf den gesamten Produktionsprozess auswirkt. Reduktion ist hier also nicht nur Stil, sondern auch Verantwortung.

Detailaufnahme von minimalistischem Schweizer Produktdesign, das Textur und Handwerkskunst hervorhebt

Die visuelle Darstellung unterstreicht diesen Fokus auf die Substanz. Statt eines grossen Logos sehen wir die feinen Details der Verarbeitung, die Textur des Materials und die Präzision der Nähte. Das ist das wahre Statement durch Substanz: Die Qualität spricht für sich selbst und benötigt keine laute Markenbotschaft. Der Besitz eines solchen Objekts wird zu einer Demonstration von Kennerschaft.

Welche Newcomer-Labels aus der ECAL oder ZHdK gerade den Markt aufmischen?

Die Zukunft des Schweizer Designs wird massgeblich in den Hallen der renommierten Hochschulen wie der ECAL (École cantonale d’art de Lausanne) und der ZHdK (Zürcher Hochschule der Künste) geformt. Diese Institutionen sind nicht nur Ausbildungsstätten, sondern auch kreative Brutkästen, die eine neue Generation von Designern hervorbringen. Diese jungen Talente interpretieren die traditionellen Schweizer Werte wie Funktionalität und Qualität auf frische und oft überraschende Weise und verbinden sie mit globalen Diskursen über Nachhaltigkeit, Technologie und soziale Verantwortung.

Der Erfolg dieser Schulen ist messbar: So war die ECAL 2024 bei den Swiss Design Awards stark vertreten, wo sechs der 16 Finalisten aus ihren Reihen stammten. Dies belegt die hohe Relevanz und Innovationskraft, die von diesen Institutionen ausgeht. Die Absolventen gründen oft eigene kleine Labels, die sich durch eine klare Vision und eine hohe gestalterische Autonomie auszeichnen. Sie nutzen die Flexibilität ihrer kleinen Strukturen, um Nischen zu besetzen und mit neuen Materialien oder Produktionsmethoden zu experimentieren.

Was diese Newcomer auszeichnet, ist oft ein multidisziplinärer Ansatz. Sie denken nicht in starren Kategorien wie „Mode“ oder „Produkt“, sondern schaffen ganzheitliche Konzepte. Ein Label könnte beispielsweise nicht nur Kleidung entwerfen, sondern auch das dazugehörige Ladenkonzept, die Verpackung und die digitale Kommunikation als zusammenhängendes Erlebnis gestalten. Sie verstehen Design als eine Form des kulturellen Kommentars und nutzen ihre Arbeit, um Fragen zu stellen und neue Perspektiven aufzuzeigen.

Anstatt dem Diktat der saisonalen Modezyklen zu folgen, bauen viele dieser jungen Marken auf ein System von permanenten Kollektionen, die organisch erweitert werden. Dies entspricht der Schweizer Philosophie der Langlebigkeit und steht im direkten Gegensatz zum Fast-Fashion-Modell. Für designaffine Konsumenten bieten diese Labels die Möglichkeit, authentische, zukunftsweisende Stücke zu entdecken, bevor sie zum Mainstream werden.

Bags aus LKW-Planen und Co: Wie Schweizer Labels Recycling cool gemacht haben?

Lange bevor „Upcycling“ zum globalen Modewort wurde, haben Schweizer Designer das Prinzip bereits zur Perfektion getrieben. Das ikonischste Beispiel ist zweifellos FREITAG. Die Idee, ausgediente LKW-Planen in funktionale und unverwüstliche Taschen zu verwandeln, war 1993 revolutionär. Doch was FREITAG und andere Labels auszeichnet, geht weit über die blosse Wiederverwertung hinaus. Sie haben es geschafft, dem recycelten Material eine eigene, begehrenswerte Ästhetik und Identität zu verleihen. Es ist kein Kompromiss, sondern ein bewusstes Haltungs-Statement.

Der Erfolg dieses Ansatzes liegt darin, dass die Geschichte des Materials – die Spuren von Wind und Wetter, die Kilometer auf Europas Autobahnen – zum zentralen Designelement wird. Jedes Produkt ist ein Unikat mit einer eigenen Vergangenheit. Dies verleiht ihm eine Authentizität, die ein fabrikneues Massenprodukt niemals erreichen kann. Der ökologische Nutzen ist dabei nicht nur ein Marketingargument, sondern ein quantifizierbarer Fakt. So wird durch die Verwendung von alten LKW-Planen eine Einsparung von 22% der CO2-Emissionen im Vergleich zur Herstellung aus neuem Material erzielt.

Künstlerische Darstellung von recycelten Materialien wie LKW-Planen in der Schweizer Designproduktion

Die wahre Innovation zeigt sich jedoch darin, dass führende Labels nicht bei diesem ersten Erfolg stehen bleiben. Sie treiben die Forschung an Materialien und Produktionsprozessen kontinuierlich voran und denken Nachhaltigkeit systemisch. Sie fragen nicht nur „Woraus machen wir unser Produkt?“, sondern auch „Was passiert mit dem Produkt am Ende seines Lebens?“.

Fallstudie: Der zirkuläre Rucksack Mono[PA6] von FREITAG

Ein perfektes Beispiel für diesen weitergedachten Ansatz ist der Mono[PA6] Rucksack. Anstatt verschiedene Materialien zu kombinieren, besteht dieses Produkt fast ausschliesslich aus einem einzigen Material: Polyamid 6. Von den Schnallen bis zum Gewebe sind 17 verschiedene Komponenten aus diesem Material gefertigt. Diese Mono-Materialität ist der Schlüssel zur echten Kreislauffähigkeit. Am Ende seines Lebens muss der Rucksack nicht mühsam zerlegt werden, sondern kann als Ganzes recycelt und zu neuem Polyamid 6 verarbeitet werden. Dies ist ein Paradebeispiel für Design, das den gesamten Lebenszyklus von Anfang an mitdenkt.

Lohnt es sich, frühe Stücke von Schweizer Designern zu sammeln?

Die Frage nach dem Sammelwert von Designobjekten ist eng mit dem Konzept des „Understatements“ verbunden. Während der traditionelle Kunstmarkt oft auf grosse Namen und spektakuläre Auktionen setzt, folgt der Markt für Schweizer Design einer anderen Logik. Hier geht es weniger um spekulative Wertsteigerung als vielmehr um den Erhalt von kulturellem und gestalterischem Erbe. Der Wert eines Stückes bemisst sich oft an seiner Authentizität, seiner Seltenheit und der Geschichte, die es erzählt.

Gerade bei Labels, die auf Unikate setzen, entsteht ein besonderer Reiz für Sammler. Ein frühes, gut erhaltenes Stück eines heute etablierten Labels kann zu einem begehrten Objekt werden, weil es einen bestimmten Moment in der Designgeschichte repräsentiert. Es ist der physische Beweis einer innovativen Idee zu ihrer Entstehungszeit. Der Besitz eines solchen Stücks ist eine Form des intellektuellen Besitzes – man besitzt nicht nur ein Objekt, sondern auch das Wissen um seine Bedeutung.

Da jede Tasche aus einem anderen Stück Plane genäht wird, ist jede Tasche ein Unikat. Damit wurde die Freitagtasche zu einem Statussymbol: Wer sie besitzt, gehört zur trendigen Modegesellschaft und stellt gleichzeitig seine Individualität zur Schau.

– LVR-Industriemuseum, über den Sammlerwert von FREITAG-Unikaten

Dieses Zitat verdeutlicht einen zentralen Punkt: Das Statussymbol liegt hier nicht im Preis oder in einem plakativen Logo, sondern in der nachgewiesenen Individualität. Das Sammeln solcher Stücke ist also auch eine Form der Selbstexpression. Zudem legen viele Schweizer Marken grossen Wert auf die Langlebigkeit und Reparierbarkeit ihrer Produkte. Dies trägt massgeblich zum Werterhalt bei. Ein Objekt, das repariert und gepflegt werden kann, verliert nicht an Wert, sondern gewinnt an Charakter und Geschichte. Plattformen wie der S.W.A.P. (Shopping Without Any Payment) von FREITAG institutionalisieren diesen Gedanken sogar, indem sie einen Tauschmarkt für getragene Stücke schaffen und so deren Lebenszyklus verlängern.

Für Sammler bedeutet das: Der Kauf eines frühen Schweizer Designstücks ist weniger eine rein finanzielle Investition als vielmehr ein Investment in eine Haltung. Es ist die Wertschätzung für Handwerk, Innovation und eine Designphilosophie, die auf Nachhaltigkeit und Substanz setzt. Der „Return on Investment“ ist hier nicht nur monetär, sondern auch kulturell und persönlich.

Wo können Sie die Kollektionen physisch anfassen und erleben?

Schweizer Design lebt von seiner Materialität, seiner Haptik und der Präzision seiner Verarbeitung. Um die Philosophie des „intellektuellen Besitzes“ wirklich zu verstehen, reicht es oft nicht aus, Produkte online zu betrachten. Man muss sie in die Hand nehmen, das Gewicht spüren, die Textur fühlen und die Funktion ausprobieren. Glücklicherweise gibt es in der Schweiz eine wachsende Zahl von Orten, die genau dieses Erlebnis ermöglichen und weit über das Konzept eines normalen Geschäfts hinausgehen.

Diese Orte sind oft sorgfältig kuratierte Concept Stores, die nicht nur Produkte verkaufen, sondern eine Welt und eine Haltung präsentieren. Sie mischen Mode, Möbel, Bücher und Accessoires von verschiedenen Labels und schaffen so einen inspirierenden Kontext. Anstatt den Besucher mit einer Masse an Produkten zu überfordern, setzen sie auf eine strenge, durchdachte Auswahl. Jeder Gegenstand im Raum hat seine Berechtigung und erzählt einen Teil einer grösseren Geschichte. Plattformen wie „Support Small Labels“ helfen dabei, diese oft versteckten Perlen zu finden. Die Community, die aus 81 Design Labels, davon 66 von Frauen gegründet, besteht, zeigt die Vielfalt und Lebendigkeit der lokalen Szene.

Noch direkter ist der Kontakt bei Atelierbesuchen oder „Meet the Designer“-Events. Hier haben Kunden die einzigartige Möglichkeit, mit den Schöpfern der Produkte ins Gespräch zu kommen, Fragen zum Designprozess zu stellen und einen Blick hinter die Kulissen zu werfen. Dieser direkte Austausch schafft eine tiefere Verbindung zum Produkt und macht den Kauf zu einer persönlichen und bedeutungsvollen Erfahrung. Man kauft nicht nur ein Objekt, sondern unterstützt auch eine Person und ihre kreative Vision.

Ihr Aktionsplan: Schweizer Design authentisch erleben

  1. Kontaktpunkte identifizieren: Listen Sie alle Kanäle auf, über die Sie Design erleben können – von kuratierten Concept Stores (z. B. über Laufmeter.ch) über Marken-Flagship-Stores bis hin zu Pop-up-Events und Atelier-Tagen.
  2. Bestehende Angebote sammeln: Inventarisieren Sie die Läden und Plattformen in Ihrer Umgebung. Unterscheiden Sie zwischen reinen Verkaufsflächen und Orten, die ein tieferes Erlebnis wie ein integriertes Café oder eine Werkstatt bieten.
  3. Kohärenz überprüfen: Vergleichen Sie die Präsentation des Ladens mit der Philosophie der geführten Marken. Wirkt die Auswahl authentisch und kuratiert oder beliebig? Spiegelt die Atmosphäre die Werte von Qualität und Understatement wider?
  4. Mémorabilität und Emotion bewerten: Suchen Sie nach Orten, die mehr als nur einen Kauf ermöglichen. Bieten sie Events, Workshops oder persönliche Beratungen an, die eine emotionale Bindung schaffen?
  5. Integrationsplan erstellen: Planen Sie Ihren nächsten Besuch nicht als Shopping-Tour, sondern als Recherche. Besuchen Sie gezielt ein oder zwei Läden und nehmen Sie sich Zeit, die Produkte zu studieren und mit dem Personal zu sprechen.

Wie Marken „Nachhaltigkeit“ vortäuschen, ohne die Produktion zu ändern?

Immer mehr Konsumenten fordern Nachhaltigkeit, und viele Marken reagieren darauf – allerdings nicht immer mit echten Veränderungen. Das Phänomen des „Greenwashing“ ist weit verbreitet: Unternehmen schmücken sich mit einem grünen Image, ohne ihre grundlegenden Produktionsprozesse, Lieferketten oder Geschäftsmodelle zu ändern. Sie nutzen vage Begriffe wie „umweltfreundlich“ oder „bewusst“, lancieren kleine „grüne“ Capsule Collections, während der Grossteil ihres Sortiments konventionell produziert wird, oder betonen einen einzigen positiven Aspekt, um von grösseren Problemen abzulenken.

Für Konsumenten, die Wert auf echte Nachhaltigkeit legen, wird es dadurch immer schwieriger, zwischen authentischem Engagement und reiner Marketing-Rhetorik zu unterscheiden. Besonders das „Swiss Made“-Label kann hier missbraucht werden. Es suggeriert hohe Qualität und strenge Standards, doch manchmal wird nur der letzte, minimale Produktionsschritt in der Schweiz durchgeführt, während die Vorproduktion unter fragwürdigen Bedingungen im Ausland stattfindet. Echte Nachhaltigkeit hingegen erfordert radikale Transparenz über die gesamte Lieferkette.

Die folgende Tabelle zeigt einige Schlüsselkriterien, an denen Sie echtes Engagement von Greenwashing unterscheiden können, wie es beispielsweise durch die Standards von „Printed in Switzerland“ definiert wird. Eine Analyse der dortigen Kriterien für echte Nachhaltigkeit zeigt den Unterschied deutlich auf.

Echte vs. vorgetäuschte Nachhaltigkeit bei Schweizer Labels
Kriterium Echte Nachhaltigkeit Greenwashing
Produktion Strenge Schweizer Umweltschutzgesetze vom Papiereinkauf über Chemikalien bis zum Vertrieb ‚Swiss Made‘ Label bei globaler Vorproduktion
Materialkreislauf Vollständige Kreislauffähigkeit (z.B. Mono-Materialien) Nur kleine ‚grüne‘ Capsule Collections
Transparenz Offene Kommunikation aller Prozesse, auch über Misserfolge Vage Nachhaltigkeitsversprechen ohne Belege

Der Umgang mit Fehlern und Rückschlägen ist vielleicht der grösste Indikator für wahre Nachhaltigkeit. Ein Unternehmen, das offen über gescheiterte Experimente spricht, zeigt Authentizität und Lernbereitschaft – das genaue Gegenteil von Greenwashing.

Fallstudie: F-ABRIC – FREITAGs lehrreiches Scheitern

Von 2014 bis 2023 entwickelte und verkaufte FREITAG unter dem Namen F-ABRIC eine eigene, kompostierbare Kleiderlinie aus Bastfasern. Die Materialien wurden in Europa mit minimalem Ressourceneinsatz angebaut und verarbeitet. Trotz des enormen Aufwands und der vorbildlichen Produktionskette wurde das Projekt 2023 eingestellt, da es nie wirtschaftlich rentabel wurde. Anstatt diesen „Misserfolg“ zu verschweigen, kommunizierte FREITAG ihn offen und teilte die gewonnenen Erkenntnisse. Dieses Mass an Transparenz ist ein starkes Zeichen gegen Greenwashing und zeigt ein ernsthaftes Engagement, das über reine Profitmaximierung hinausgeht.

Wann wird unsere Kleidung unsere Vitalwerte messen können?

Die Integration von Technologie in Kleidung, oft als „Smart Wearables“ oder „Smart Clothing“ bezeichnet, ist keine ferne Zukunftsvision mehr. Während die ersten Versuche oft klobig und technisch wirkten, bewegt sich die Entwicklung hin zu einer unsichtbaren, nahtlosen Integration. Die Vision ist Kleidung, die nicht nur schützt und schmückt, sondern auch als subtile Schnittstelle zu unserem Körper dient – sie könnte Vitalwerte wie Herzfrequenz oder Körpertemperatur messen, unsere Haltung analysieren oder sogar auf Umweltveränderungen reagieren.

Gerade die Schweiz ist für diese Entwicklung prädestiniert. Die historisch gewachsene Expertise in Mikrotechnik, Präzisionsmechanik und Medizintechnik bietet eine einzigartige Grundlage, um führend in diesem Bereich zu werden. Es geht nicht darum, Elektronik plump auf Textilien aufzubringen, sondern darum, intelligente Funktionen direkt in die Faser oder die Struktur des Gewebes zu integrieren.

Die Schweizer Tradition in Uhrmacherei und Medizintechnik positioniert das Land ideal für die Entwicklung unauffälliger, präziser Smart-Kleidung.

– Branchenbeobachter, Analyse der Schweizer Designindustrie

Der Schweizer Ansatz für Smart Clothing unterscheidet sich dabei oft von dem internationaler Tech-Giganten. Anstatt ein Gadget zu kreieren, das man trägt, ist das Ziel, ein zeitloses Kleidungsstück zu schaffen, das zufällig auch „smart“ ist. Die Technologie soll dienen, nicht dominieren. Der Fokus liegt auf Langlebigkeit, Zuverlässigkeit und, ganz entscheidend, auf dem Datenschutz. In einer Welt, in der persönliche Daten zu einer wertvollen Währung geworden sind, könnte „Datenschutz nach Schweizer Standards“ zu einem zentralen Qualitätsmerkmal für smarte Kleidung werden. Konkrete Innovationen zeigen bereits den Weg:

  • Unsichtbare Integration: Sensoren werden direkt in Garne eingewebt, anstatt sie aufzunähen, wodurch sie flexibel und waschbar werden.
  • Energieautarkie: Es wird an Fasern geforscht, die durch Bewegung oder Körperwärme Energie erzeugen und die Sensoren so autark mit Strom versorgen.
  • Präzise Anpassung: Innovative Technologien, wie eine auf einem KI-gestützten Scan per Handykamera basierende Silikonbügeltechnologie für BHs, ersetzen herkömmliche Methoden und ermöglichen eine perfekte, individualisierte Passform und Funktionalität.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die DNA des Schweizer Designs ist eine Symbiose aus Funktion, Reduktion und einer tiefen Philosophie der Langlebigkeit, die über reine Ästhetik hinausgeht.
  • Echte Nachhaltigkeit beweist sich durch radikale Transparenz und systemische Ansätze wie Mono-Materialien für eine vollständige Kreislauffähigkeit.
  • Neue Konsummodelle wie kuratierte Miet-Abos bieten eine flexible und nachhaltige Alternative zum traditionellen Kauf von Designermode.

Kaufen oder Mieten: Wann lohnt sich ein Kleider-Abo für Designermode?

Der Wunsch nach Abwechslung im Kleiderschrank und der Zugang zu hochwertigem Design stehen oft im Widerspruch zu den Prinzipien der Nachhaltigkeit und des bewussten Konsums. Eine mögliche Lösung für dieses Dilemma bietet ein wachsender Markt: das Mieten von Designermode. Anstatt ein teures Stück zu kaufen, das man vielleicht nur zu wenigen Anlässen trägt, ermöglicht ein Abo-Modell den temporären Zugriff auf eine kuratierte Garderobe. Dieser Trend, der laut Prognosen ein globales Marktvolumen von über 2 Milliarden US-Dollar bis 2025 erreichen könnte, gewinnt auch in der Schweiz an Fahrt.

Verschiedene Anbieter haben Modelle entwickelt, die auf unterschiedliche Bedürfnisse zugeschnitten sind. Ob für ein spezielles Event, zur Überbrückung einer Saison oder einfach aus Freude am Experimentieren – das Mieten kann sowohl ökonomisch als auch ökologisch sinnvoll sein. Es reduziert die Anzahl der Fehlkäufe, die ungetragen im Schrank landen, und fördert eine Kreislaufwirtschaft, in der Kleidungsstücke von mehreren Personen genutzt und ihre Lebensdauer maximiert wird.

Die Entscheidung zwischen Mieten und Kaufen hängt stark vom individuellen Nutzungsverhalten ab. Eine „Cost-per-Wear“-Analyse kann hier Klarheit schaffen. Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über einige Schweizer Anbieter und ihre Preismodelle.

Cost-Per-Wear Analyse: Mieten vs. Kaufen in der Schweiz
Modell Kosten Vorteile
Monatsabo Kleihd CHF 129.– für drei Teile im Monat Jederzeit kündbar
Teil dein Style Bern CHF 19.- für ein Teil, CHF 59.- für sechs Teile monatlich Studierende bekommen Vergünstigungen, Lieblingsteile können gekauft werden
Ragfair unlimited 129 Franken im Monat für drei Teile Beliebig lange behalten und tauschen

Die Professionalisierung des Mietmarktes zeigt sich auch in Kooperationen mit etablierten Handelshäusern, was dem Modell zusätzliche Glaubwürdigkeit und Reichweite verleiht.

Fallstudie: Jelmoli-Kooperation mit Ragfair

Das Zürcher Warenhaus Jelmoli ging eine Partnerschaft mit der Mietplattform Ragfair ein. Kundinnen und Kunden können ausgewählte Stücke aus dem Jelmoli-Sortiment dauerhaft über Ragfair mieten. Um die Hürde zu senken, können alle Teile aus dem Ragfair-Sortiment in der exklusiven VIP-Lounge von Jelmoli anprobiert werden. Diese Zusammenarbeit zwischen einem traditionellen Retailer und einem innovativen Start-up zeigt, dass das Mietmodell im Premium-Segment angekommen ist und als ernsthafte Ergänzung zum Kauf wahrgenommen wird.

Häufige Fragen zum Thema Schweizer Design

Wie kann ich die Authentizität einer FREITAG-Tasche prüfen?

FREITAG-Taschen können an ihrem ganz eigenen Geruch aus der grossen weiten Welt identifiziert werden. Dieser rührt vom Vorleben als LKW-Plane her. Die meisten Taschen verlieren ihren speziellen Duft jedoch nach etwas Gebrauch schnell.

Behalten Schweizer Designstücke ihren Wert?

Viele Schweizer Labels legen Wert auf Reparierbarkeit, was den Werterhalt fördert. Wenn Ihr einzigartiges Stück jemals abgenutzt wird, kann es oft repariert werden. Sollten Sie sich in ferner Zukunft nicht mehr dafür begeistern, können Sie es bei manchen Marken, wie z.B. bei FREITAG, mit jemandem aus der Community auf der S.W.A.P. (Shopping Without Any Payment) Tauschplattform tauschen und so den Lebenszyklus verlängern.

Geschrieben von Anja Leutenegger, Innenarchitektin und Materialforscherin für nachhaltiges Design. Expertin für Raumpsychologie, Schweizer Möbelklassiker und die Sanierung historischer Bausubstanz.