
Entgegen der landläufigen Meinung ist nicht mangelnde Hygiene die Ursache für hartnäckige Rötungen und Unreinheiten, sondern oft eine übertriebene Pflegeroutine, die die Hautschutzbarriere zerstört. Das eigentliche Problem ist ein „Krieg“ gegen die eigene Haut, der ihr natürliches Gleichgewicht stört. Die Lösung liegt nicht in aggressiveren Produkten, sondern in einem strategischen „Waffenstillstand“ und dem gezielten Wiederaufbau der fundamentalen Schutzschicht Ihrer Haut.
Sie reinigen, peelen, tragen Seren und Cremes auf – und trotzdem wird Ihre Haut immer schlimmer? Rötungen, Spannungsgefühle und plötzlich auftretende Unreinheiten, die auf keine Behandlung ansprechen, sind zu Ihrem ständigen Begleiter geworden. Viele Menschen, die unter solchen Symptomen leiden, greifen instinktiv zu noch schärferen Produkten in dem Glauben, ein Sauberkeitsproblem bekämpfen zu müssen. Sie haben das Gefühl, alles versucht zu haben, und doch verschlechtert sich der Zustand zusehends. Dieser Frustrationszyklus ist mir aus meiner dermatologischen Praxis bestens bekannt.
Die gängigen Ratschläge konzentrieren sich oft auf einzelne Produkte oder Inhaltsstoffe. Doch was, wenn der Fehler nicht im Detail, sondern im gesamten Ansatz liegt? Was, wenn Ihr unermüdlicher Einsatz für „perfekte“ Haut genau das Gegenteil bewirkt und einen Zustand provoziert, den Mediziner als Barrierestörung oder sogar periorale Dermatitis bezeichnen? Die Wahrheit ist, dass eine gesunde Haut kein steriler, sondern ein lebendiger Ort ist – ein komplexes Ökosystem, das durch zu viel Eingreifen aus dem Gleichgewicht gerät.
Dieser Artikel bricht mit der Idee, dass „mehr“ auch „besser“ ist. Stattdessen erkläre ich Ihnen als Facharzt für sensible Haut den biologischen Bauplan einer gesunden Hautbarriere. Wir werden gemeinsam analysieren, wie gut gemeinte Pflegeschritte zu einem regelrechten Barriere-Kollaps führen können. Vor allem aber zeige ich Ihnen, wie Sie einen Waffenstillstand mit Ihrer Haut schliessen und sie mit den richtigen Bausteinen und einer minimalistischen, aber hochwirksamen Strategie gezielt wiederaufbauen können. Es ist an der Zeit, nicht härter, sondern klüger gegen Ihre Hautprobleme vorzugehen.
Um dieses komplexe Thema verständlich zu machen, führt Sie dieser Artikel schrittweise von der Biologie Ihrer Haut über die häufigsten Fehler bis hin zur korrekten Pflegeroutine. Der folgende Überblick zeigt Ihnen, welche Aspekte wir im Detail beleuchten werden.
Inhaltsverzeichnis: Der Weg zur Wiederherstellung Ihrer Hautbarriere
- Wie Bakterien auf Ihrer Haut Sie vor Entzündungen schützen?
- Wie zu viel Reinigung und Peelings den Säureschutzmantel zerstören?
- Ceramide und Lipide: Mit welchen Stoffen Sie die „Mauer“ wieder aufbauen?
- Warum Seife im Gesicht ein absolutes No-Go für die Barriere ist?
- Wann ist es Akne und wann eine kaputte Barriere (Periorale Dermatitis)?
- Warum Vitamin C und Retinol zusammen aufgetragen Ihre Hautbarriere zerstören können?
- Wie Sie Kräuteröle korrekt anwenden, um Poren nicht zu verstopfen?
- In welcher Reihenfolge Sie Ihre 5 Pflegeprodukte auftragen müssen, damit sie wirken?
Wie Bakterien auf Ihrer Haut Sie vor Entzündungen schützen?
Die Vorstellung, dass unsere Haut von Mikroorganismen besiedelt ist, mag zunächst befremdlich klingen. Doch dieses komplexe Haut-Ökosystem, auch Mikrobiom genannt, ist einer der wichtigsten Verbündeten im Kampf gegen Entzündungen und Infektionen. Schätzungen zufolge leben bis zu 1 Million Bakterien pro Quadratzentimeter auf unserer Haut. Diese Gemeinschaft aus „guten“ Bakterien bildet eine lebende Schutzschicht, die pathogene, also krankmachende, Keime aktiv in Schach hält.
Diese nützlichen Bakterien konkurrieren mit schädlichen Eindringlingen um Lebensraum und Nährstoffe. Zudem produzieren sie antimikrobielle Substanzen, die das Wachstum unerwünschter Keime hemmen. Ein intaktes Mikrobiom trainiert und reguliert das lokale Immunsystem der Haut, sodass es angemessen auf Bedrohungen reagiert, ohne bei jeder Kleinigkeit eine überschiessende Entzündungsreaktion auszulösen. Es ist also kein Feind, den es zu eliminieren gilt, sondern ein fein ausbalancierter Garten, der Pflege benötigt.
Ein dramatisches Beispiel für ein gestörtes Gleichgewicht zeigt sich bei Neurodermitis-Patienten. Hier kann ein verschobener, weniger saurer pH-Wert der Haut die massive Vermehrung des Bakteriums Staphylococcus aureus begünstigen. Dieser Keim verdrängt nützliche Bakterienarten und sondert Toxine ab, die das Immunsystem alarmieren und den quälenden Juckreiz auslösen. Das darauffolgende Kratzen schädigt die Hautbarriere weiter und schafft noch bessere Bedingungen für den schädlichen Keim – ein klassischer Teufelskreis, der die Entzündung aufrechterhält.
Wie zu viel Reinigung und Peelings den Säureschutzmantel zerstören?
Der sogenannte Säureschutzmantel ist ein leicht saurer Film aus Schweiss, Talg und verhornten Zellen auf der Hautoberfläche. Mit einem pH-Wert von etwa 5,5 schafft er das ideale Milieu für das gesunde Hautmikrobiom und hemmt gleichzeitig das Wachstum schädlicher Bakterien, die ein alkalisches Umfeld bevorzugen. Viele Menschen versuchen jedoch, ihre Haut „quietschsauber“ zu bekommen, und zerstören damit unwissentlich diese erste und wichtigste Verteidigungslinie.
Aggressive Reinigungsprodukte, insbesondere solche mit harschen Tensiden, entfernen nicht nur Schmutz und Make-up, sondern auch die wertvollen Lipide (Fette) des Säureschutzmantels. Die Verwendung von zu heissem Wasser verstärkt diesen Effekt, da es die Fette zusätzlich verflüssigt und aus der Haut wäscht. Das Resultat ist eine Haut, die sich unmittelbar nach der Reinigung zwar sauber, aber auch trocken und gespannt anfühlt – ein erstes Alarmsignal für einen Barriere-Kollaps.
Das Konzept der Störung wird durch die folgende Darstellung verdeutlicht, die symbolisch zeigt, wie alkalische Einflüsse die geordnete Lipidstruktur der Hautbarriere aufbrechen.

Wie dieses Bild symbolisiert, führen solche Eingriffe zu Rissen in der Schutzmauer. Besonders fatal ist der übermässige Einsatz von Peelings. In dem Versuch, Unreinheiten oder einen fahlen Teint zu bekämpfen, tragen viele Menschen zu oft die oberste Hautschicht ab. Die Haut reagiert auf diesen permanenten Angriff paradox: Sie versucht, den Verlust an Schutz durch eine erhöhte Talgproduktion zu kompensieren. So entsteht eine ölige, aber gleichzeitig dehydrierte Haut – ein Zustand, der für Betroffene oft völlig unverständlich ist.
Ceramide und Lipide: Mit welchen Stoffen Sie die „Mauer“ wieder aufbauen?
Wenn wir die Hautbarriere als eine Ziegelsteinmauer betrachten, dann sind die Hautzellen (Korneozyten) die Ziegel und die Lipide der „Mörtel“, der alles zusammenhält. Dieser Mörtel ist entscheidend für die Stabilität und Dichtheit der Barriere. Er verhindert, dass Wasser aus der Haut verdunstet (transepidermaler Wasserverlust, TEWL) und gleichzeitig, dass Schadstoffe und Allergene eindringen. Ist dieser Mörtel brüchig, wird die Haut trocken, gereizt und anfällig für Entzündungen.
Die wichtigsten Lipide in diesem Mörtel sind Ceramide, Cholesterin und freie Fettsäuren. Insbesondere die Ceramide sind von zentraler Bedeutung. Studien zeigen, dass sie den grössten Anteil an der Lipidmatrix ausmachen; so machen Ceramide etwa 40 Prozent der interzellulären Lipide in der obersten Hautschicht aus. Ein Mangel an Ceramiden ist ein Kennzeichen vieler Hauterkrankungen, die mit einer gestörten Barriere einhergehen, wie Neurodermitis oder trockene Haut.
Für den Wiederaufbau der Barriere ist es daher entscheidend, der Haut genau diese Bausteine von aussen zuzuführen. Eine gute barriereaufbauende Pflegecreme sollte nicht nur Feuchtigkeit (z. B. durch Hyaluronsäure) spenden, sondern vor allem hautidentische Lipide enthalten. Das richtige Verhältnis dieser Lipide ist dabei für die Wirksamkeit entscheidend, wie die folgende Übersicht zeigt.
| Lipid-Komponente | Idealer Anteil | Funktion |
|---|---|---|
| Ceramide | 50-60% | Hauptbestandteil der Barriere, Feuchtigkeitsspeicherung |
| Cholesterin | 25% | Stabilisierung der Lipidschicht |
| Freie Fettsäuren | 10-15% | pH-Regulierung, antimikrobielle Wirkung |
Achten Sie bei der Wahl Ihrer Pflegeprodukte also gezielt auf Inhaltsstoffe wie „Ceramide NP“, „Ceramide AP“, Cholesterol und Fettsäuren. Diese helfen, die Lücken im Mörtel zu füllen und die Schutzmauer Ihrer Haut nachhaltig zu reparieren. Die Reparatur ist jedoch kein Sprint, sondern ein Marathon, der mehrere Wochen dauern kann.
Warum Seife im Gesicht ein absolutes No-Go für die Barriere ist?
In der Welt der Hautpflege gibt es wenige Ratschläge, die so universell gültig sind wie dieser: Herkömmliche Seife hat im Gesicht nichts zu suchen. Trotz ihres Rufs als Inbegriff von Sauberkeit ist sie aus dermatologischer Sicht einer der grössten Feinde einer gesunden Hautbarriere. Der Grund dafür liegt in ihrem chemischen Aufbau und dem daraus resultierenden pH-Wert.
Klassische Seifenstücke sind alkalisch, das heisst, sie haben einen hohen pH-Wert von 8 bis 10. Wie wir bereits wissen, liegt der natürliche pH-Wert der Haut im sauren Bereich um 5,5. Die Anwendung von Seife verschiebt diesen Wert schlagartig ins Alkalische. Dieser abrupte Wandel hat verheerende Folgen für die Hautphysiologie, wie die renommierte Dermatologin Prof. Dr. Christiane Bayerl in einer Fachpublikation hervorhebt:
Ein alkalischer Reiniger (Seife) verändert den pH-Wert der Haut von ~5,5 auf >7. Dies deaktiviert augenblicklich essenzielle Enzyme, die für die korrekte Abschuppung und die Bildung von Barriere-Lipiden zuständig sind.
– Prof. Dr. Christiane Bayerl, Thieme Connect – Topisches Anti-Aging
Diese Deaktivierung der Enzyme bedeutet, dass der natürliche Erneuerungsprozess der Haut gestoppt wird und die Produktion des schützenden „Mörtels“ aus Lipiden zum Erliegen kommt. Die Haut wird durchlässig, trocken und anfällig für Irritationen. Auch wenn sich der pH-Wert nach einigen Stunden wieder normalisieren kann, ist die Haut in dieser Zeit extrem verwundbar. Bei täglicher Anwendung von Seife hat die Barriere keine Chance, sich vollständig zu regenerieren, was zu einem chronisch geschwächten Zustand führt.
Greifen Sie stattdessen konsequent zu pH-hautneutralen Reinigungsprodukten wie milden Waschlotionen oder -gelen (sogenannte Syndets) oder Reinigungsölen. Diese Produkte reinigen effektiv, ohne den Säureschutzmantel anzugreifen, und sind somit die Grundlage jeder barrierefreundlichen Pflegeroutine.
Wann ist es Akne und wann eine kaputte Barriere (Periorale Dermatitis)?
Eines der frustrierendsten Szenarien für Betroffene ist die Verwechslung einer Barrierestörung, wie der perioralen Dermatitis (POD), mit klassischer Akne. Viele Patienten behandeln die kleinen, roten Pusteln und Rötungen um Mund und Nase mit aggressiven Anti-Akne-Produkten, was den Zustand dramatisch verschlimmert. Die Unterscheidung ist jedoch für eine erfolgreiche Behandlung absolut entscheidend.
Echte Akne wird typischerweise durch eine Überproduktion von Talg, eine Verhornungsstörung, bakterielle Besiedlung (insbesondere durch P. acnes) und Entzündungsreaktionen verursacht. Sie äussert sich oft in Form von Mitessern (Komedonen) und entzündeten, oft schmerzhaften Pickeln, die vereinzelt oder in der T-Zone auftreten. Die Haut ist dabei meist ölig.
Eine gestörte Hautbarriere oder POD hingegen ist eine entzündliche Reaktion, die oft durch eine Überpflege der Haut („zu viel des Guten“) ausgelöst wird. Die Symptome sind kleine, rote, manchmal eitrige Knötchen und Pusteln, die sich grossflächig und symmetrisch, bevorzugt um den Mund (perioral), die Nase (perinasal) und manchmal auch die Augen (periokulär) verteilen. Ein entscheidender Unterschied zur Akne ist das Fehlen von Komedonen und das begleitende Hautgefühl: Statt Schmerz dominieren hier Brennen, Spannen und Juckreiz auf einer ansonsten trockenen, schuppigen Haut.
Die folgende Tabelle fasst die wichtigsten Unterscheidungsmerkmale zusammen und dient als erste Orientierungshilfe. Bei Unsicherheit ist jedoch immer eine dermatologische Abklärung ratsam, wie diese Gegenüberstellung von Akne und Barrierestörungen zeigt.
| Merkmal | Echte Akne | Gestörte Hautbarriere/POD |
|---|---|---|
| Lokalisation | T-Zone, einzelne Bereiche | Grossflächig, oft um Mund/Nase |
| Hautgefühl | Druckempfindlich, schmerzhaft | Brennen, Spannen, Juckreiz |
| Komedonen | Häufig vorhanden | Selten bis nie |
| Hautbeschaffenheit | Eher ölig | Trocken, schuppig |
| Reaktion auf Pflege-Pause | Keine Verbesserung | Deutliche Verbesserung |
Das letzte Kriterium ist oft das aussagekräftigste: Während Akne bei einer Pflege-Pause meist unverändert bleibt, führt bei einer POD ein radikaler Verzicht auf alle Produkte (ein sogenannter „Waffenstillstand“ oder eine „Nulltherapie“) oft innerhalb weniger Tage zu einer sichtbaren Besserung. Dies bestätigt, dass die Pflege selbst die Ursache des Problems war.
Warum Vitamin C und Retinol zusammen aufgetragen Ihre Hautbarriere zerstören können?
Vitamin C und Retinol (eine Form von Vitamin A) sind zwei der wirksamsten und am besten erforschten Wirkstoffe in der Anti-Aging- und Hautpflege. Vitamin C ist ein starkes Antioxidans, das vor Umweltschäden schützt und den Hautton ausgleicht. Retinol ist der Goldstandard zur Anregung der Kollagenproduktion und Hauterneuerung. Viele Anwender machen jedoch den Fehler, diese beiden Kraftpakete gleichzeitig aufzutragen, und wundern sich dann über Reizungen, Rötungen und eine geschwächte Barriere. Das Problem ist nicht die Wirkung der Stoffe an sich, sondern der zugrundeliegende pH-Konflikt der Wirkstoffe.
Damit sie optimal in die Haut eindringen und ihre Wirkung entfalten können, benötigen diese beiden Inhaltsstoffe völlig unterschiedliche chemische Umgebungen. Reines Vitamin C (L-Ascorbinsäure) ist am stabilsten und wirksamsten bei einem sehr sauren pH-Wert von unter 3,5. Retinol hingegen benötigt ein Umfeld, das dem natürlichen pH-Wert der Haut näherkommt, idealerweise zwischen pH 5,5 und 6. Werden beide Produkte direkt nacheinander aufgetragen, neutralisieren sie sich gegenseitig. Entweder wird der pH-Wert für das Vitamin C zu hoch oder für das Retinol zu niedrig. Im besten Fall sind beide Produkte einfach nur wirkungslos. Im schlimmsten Fall führt dieser pH-Stress zu massiven Irritationen und schädigt die Hautbarriere.
Die Lösung ist einfach und effektiv: die zeitliche Trennung. Die bewährte dermatologische Empfehlung lautet, Vitamin C am Morgen und Retinol am Abend zu verwenden. Morgens kann das Vitamin C seine antioxidative Schutzfunktion gegen UV-Strahlen und Umweltverschmutzung voll ausspielen. Abends, wenn die Haut in den Regenerationsmodus schaltet, kann das Retinol ungestört die Zellerneuerung anregen. Diese simple Trennung maximiert nicht nur die Wirksamkeit beider Inhaltsstoffe, sondern minimiert auch das Risiko von Reizungen drastisch.
Ihr Plan zur sicheren Anwendung aktiver Wirkstoffe
- Langsam beginnen: Starten Sie mit niedrigen Konzentrationen (z. B. 0,1 % Retinol, 10 % Vitamin C) und verwenden Sie die Produkte anfangs nur alle zwei bis drei Tage.
- Zeitlich trennen: Tragen Sie pH-abhängige Wirkstoffe wie Vitamin C und Retinol zu unterschiedlichen Tageszeiten auf (Vitamin C morgens, Retinol abends).
- Wartezeiten einplanen: Wenn Sie Säuren (AHA/BHA) verwenden, warten Sie mindestens 15-20 Minuten, bevor Sie das nächste Produkt auftragen, damit sich der pH-Wert normalisieren kann.
- Haut beobachten: Achten Sie auf Anzeichen von Reizung wie Rötung, Brennen oder Schuppung. Reduzieren Sie bei Bedarf die Anwendungshäufigkeit.
- Nicht überladen: Kombinieren Sie in einer einzigen Routine niemals mehr als zwei potente Wirkstoffe (z. B. ein Peeling und ein Retinoid). Weniger ist oft mehr.
Wie Sie Kräuteröle korrekt anwenden, um Poren nicht zu verstopfen?
Gesichtsöle haben in den letzten Jahren einen regelrechten Boom erlebt und werden oft als natürliche, nährende Ergänzung zur Hautpflege angepriesen. Bei einer geschwächten Barriere können sie helfen, die Lipidschicht zu stärken und den Wasserverlust zu reduzieren. Viele Anwender, insbesondere mit zu Unreinheiten neigender Haut, haben jedoch Angst, dass Öle die Poren verstopfen und Akne verschlimmern könnten – eine berechtigte Sorge, wenn die Anwendung nicht korrekt erfolgt.
Der Schlüssel zur richtigen Anwendung liegt in zwei Faktoren: der Wahl des richtigen Öls und der richtigen Technik. Nicht alle Öle sind gleich. Man unterscheidet zwischen komedogenen (porenverstopfenden) und nicht-komedogenen Ölen. Dies hängt stark von ihrem Fettsäureprofil ab. Öle mit einem hohen Anteil an Linolsäure (einer Omega-6-Fettsäure) sind in der Regel leichter, ziehen besser ein und gelten als weniger komedogen. Dazu gehören zum Beispiel Hanföl, Traubenkernöl oder Distelöl. Sie sind besonders für fettige und unreine Haut geeignet. Im Gegensatz dazu können Öle mit hohem Ölsäuregehalt, wie Olivenöl oder Kokosöl, bei manchen Menschen die Poren verstopfen und sollten im Gesicht mit Vorsicht genossen werden.
Noch wichtiger ist die Anwendungstechnik. Öl sollte niemals als alleiniger Feuchtigkeitsspender auf trockene Haut aufgetragen werden. Öl selbst enthält kein Wasser; seine Aufgabe ist es, Feuchtigkeit in der Haut einzuschliessen (Okklusion). Der beste Zeitpunkt für die Anwendung ist daher direkt nach der Reinigung oder nach einem feuchtigkeitsspendenden Serum, wenn die Haut noch leicht feucht ist. Durch das Einmassieren des Öls in die feuchte Haut entsteht eine leichte Emulsion, die viel besser von der Haut aufgenommen werden kann, ohne einen schweren, fettigen Film zu hinterlassen. Nur wenige Tropfen sind dabei völlig ausreichend.
Das Wichtigste in Kürze
- Ihre Haut ist ein lebendiges Ökosystem. Aggressive Reinigung zerstört das schützende Mikrobiom.
- Eine gestörte Barriere ist oft die Ursache, nicht die Folge, von Rötungen und Unreinheiten (POD vs. Akne).
– Der Wiederaufbau erfolgt durch hautidentische Lipide wie Ceramide, nicht nur durch Feuchtigkeit.
In welcher Reihenfolge Sie Ihre 5 Pflegeprodukte auftragen müssen, damit sie wirken?
Nachdem wir die Bausteine und die Fallstricke der Hautpflege verstanden haben, fügen wir nun alles zu einer funktionierenden Routine zusammen. Die Wirksamkeit Ihrer Produkte hängt nämlich nicht nur von den Inhaltsstoffen ab, sondern massgeblich von der Reihenfolge, in der sie aufgetragen werden. Die Grundregel ist einfach und logisch: von der leichtesten zur reichhaltigsten Textur. Dies stellt sicher, dass die dünnflüssigen, wässrigen Produkte tief in die Haut eindringen können, bevor reichhaltigere, öligere Produkte die Oberfläche versiegeln.
Eine effektive 5-Schritte-Routine, die die Hautbarriere respektiert und aufbaut, sieht typischerweise so aus:
- Sanfte Reinigung: Der erste Schritt ist immer die Entfernung von Schmutz, Make-up und überschüssigem Talg mit einem pH-neutralen Reiniger. Dies bereitet die Haut optimal auf die nachfolgende Pflege vor.
- Wässriges Serum: Nach der Reinigung kommt das Produkt mit der höchsten Konzentration an aktiven, wasserlöslichen Wirkstoffen. Dies kann ein Hyaluronsäure-Serum zur Hydratation oder ein beruhigendes Niacinamid-Serum sein.
- Feuchtigkeitscreme: Die Creme hat eine komplexere Textur aus Wasser, Öl und barriereaufbauenden Lipiden wie Ceramiden. Sie spendet Feuchtigkeit und beginnt, die Schutzschicht zu reparieren.
- Gesichtsöl (optional, abends): Einige Tropfen eines nicht-komedogenen Öls können als letzter Schritt aufgetragen werden, um die gesamte Feuchtigkeit und die Wirkstoffe der vorherigen Schritte in der Haut einzuschliessen (Okklusion).
- Sonnenschutz (morgens): Der wichtigste Schritt jeder Morgenroutine ist der Schutz vor UV-Strahlung, dem grössten Feind der Hautbarriere. Sonnenschutz kommt immer als allerletzter Schritt, bevor das Make-up folgt.
Diese strukturierte Abfolge sorgt dafür, dass jeder Inhaltsstoff dort ankommt, wo er wirken soll. Das Interesse an einer solchen fundierten Hautpflege ist enorm, was die Notwendigkeit klarer, wissenschaftlich basierter Anleitungen unterstreicht. Eine falsche Reihenfolge kann selbst die teuersten Produkte wirkungslos machen oder im schlimmsten Fall zu neuen Irritationen führen.
Beginnen Sie noch heute damit, diese Prinzipien umzusetzen. Betrachten Sie Ihre Hautpflege nicht länger als einen Kampf, sondern als einen Akt der Wiederherstellung und des Respekts vor dem biologischen Bauplan Ihrer Haut. Mit Geduld und der richtigen Strategie werden Sie den Weg zu einer ruhigen, gesunden und widerstandsfähigen Haut finden.
Häufige Fragen zur gestörten Hautbarriere
Wie lange dauert es, bis sich der pH-Wert nach dem Waschen mit Seife normalisiert?
Der natürliche pH-Wert kann bis zu 12-14 Stunden gestört bleiben. Während dieser Zeit ist die Haut anfälliger für Bakterienwachstum und Umweltschäden, weshalb die tägliche Anwendung von Seife die Barriere chronisch schwächt.
Welche Alternativen gibt es zu herkömmlicher Seife?
Die besten Alternativen sind pH-hautneutrale Reinigungsprodukte mit einem Wert zwischen 4,5 und 5,5. Dazu gehören milde Waschlotionen (Syndets), sanfte Reinigungsmilch oder Reinigungsöle, die den Säureschutzmantel intakt lassen.
Verstärkt hartes Wasser die negativen Effekte von Seife?
Ja, die Mineralien (wie Kalzium und Magnesium) in hartem Wasser können mit den Fettsäuren der Seife reagieren und unlösliche Rückstände auf der Haut hinterlassen. Diese können die Poren zusätzlich verstopfen und die Haut austrocknen.
Wann ist der beste Zeitpunkt für die Öl-Anwendung?
Der ideale Zeitpunkt ist auf die noch leicht feuchte Haut nach der Reinigung oder nach dem Auftragen eines wässrigen Serums. So bildet sich eine Emulsion, die besser einzieht und die Feuchtigkeit effektiv in der Haut einschliesst.
Welche Öle eignen sich für unreine Haut?
Für zu Unreinheiten neigende Haut eignen sich besonders Öle mit einem hohen Anteil an Linolsäure, da diese als weniger komedogen (porenverstopfend) gelten. Beispiele sind Hanföl, Traubenkernöl oder Distelöl.