Archäologische Taucharbeiten an prähistorischen Pfahlbauten im Bielersee mit Unterwasserfunden
Veröffentlicht am März 12, 2024

Die Pfahlbauten am Bielersee sind weit mehr als alte Holzpfähle; sie sind der wissenschaftliche Beweis für eine mobile und global vernetzte Gesellschaft vor 5000 Jahren, der unser Bild vom primitiven Steinzeitmenschen widerlegt.

  • Die Bewohner unterhielten Handelsbeziehungen über Tausende von Kilometern, was Funde wie Eisen aus einem estnischen Meteoriten belegen.
  • Artefakte wie Fibeln erzählen durch anhaftende Textilreste detailliertere Geschichten über Status und Technologie als menschliche Skelette allein.
  • Diese belegbare prähistorische Realität ist reicher und aussagekräftiger für das Schweizer Erbe als spätere Gründungsmythen wie Wilhelm Tell.

Empfehlung: Um unsere wahren Ursprünge zu verstehen, müssen wir uns den materiellen Erzählungen der Archäologie zuwenden, die uns zeigen, wie vernetzt und fortschrittlich unsere Vorfahren wirklich waren.

Wenn wir an die Steinzeit denken, tauchen oft Bilder von isolierten, primitiven Stämmen in Fellen auf, die mit Keulen jagen. Die Entdeckungen in den seichten Ufern des Bielersees zeichnen jedoch ein radikal anderes Bild. Als Archäologe, der sich mit diesen Funden beschäftigt, kann ich Ihnen versichern: Was wir hier im Schlamm finden, ist kein Haufen alter Pfähle, sondern ein hochauflösendes Archiv einer Gesellschaft, die uns in ihrer Komplexität und Vernetzung immer wieder überrascht. Die Menschen, die hier vor über 5000 Jahren lebten, waren keine isolierten Wilden, sondern Teil eines europaweiten Netzwerks.

Die gängige Annahme ist, dass es genügt, diese Artefakte auszugraben und in einer Vitrine auszustellen. Doch die eigentliche Arbeit beginnt erst danach. Es geht darum, die materiellen Erzählungen zu entschlüsseln, die in einem Stück Holz, einer Gewandnadel oder einer Pfeilspitze stecken. Unser Angle Directeur für dieses Verständnis ist der methodische Zeitsprung: Wir nutzen modernste Wissenschaft nicht nur, um Objekte zu datieren, sondern um ihre gesamte „Biografie“ zu rekonstruieren – vom Rohstoff über die Herstellung bis zum Handel über Tausende von Kilometern. Dies stellt die Vorstellung einer primitiven, statischen Vergangenheit infrage und offenbart eine dynamische, mobile Welt.

Dieser Artikel nimmt Sie mit auf eine archäologische Expedition. Wir werden die fragilen Holzkonstruktionen vor dem Zerfall bewahren, die Geschichten hinter den Artefakten entschlüsseln und sehen, warum diese wissenschaftlichen Fakten spannender sind als jeder Mythos. Wir tauchen ein in die Methoden, die uns erlauben, die Vergangenheit nicht nur zu sehen, sondern sie fast zu „berühren“ und für kommende Generationen lebendig zu machen.

Die folgenden Abschnitte führen Sie durch die zentralen Fragen und Entdeckungen rund um dieses einzigartige UNESCO-Welterbe. Jeder Teil beleuchtet eine andere Facette unserer Arbeit und zeigt, wie die Funde vom Bielersee unser Verständnis der europäischen Vorgeschichte neu definieren.

Wie verhindert man, dass 5000 Jahre altes Holz an der Luft zerfällt?

Das grösste Paradox unserer Arbeit ist, dass die Rettung eines Artefakts aus dem Wasser oft der Beginn seiner Zerstörung ist. Jahrtausendelang im sauerstoffarmen Schlamm des Sees geschützt, hat die Zellstruktur des Holzes ihre Stabilität verloren. An der Luft trocknet es, schrumpft, reisst und zerfällt unweigerlich zu Staub. Dieses fragile Erbe zu bewahren, ist eine enorme Herausforderung. Laut dem Archäologischen Dienst des Kantons Bern sind allein am Bielersee 35 Pfahlbaufundstellen massiv durch Erosion gefährdet. Dies ist ein Wettlauf gegen die Zeit, um das Archiv unter Wasser zu sichern.

Die Konservierung ist ein langwieriger, fast alchemistischer Prozess. Die gängigste Methode für nasses Holz ist die Tränkung mit Polyethylenglykol (PEG), einer wachsartigen Substanz. Das Holz wird über Monate oder sogar Jahre in Bädern mit steigender PEG-Konzentration gelagert. Das PEG dringt langsam in die Holzzellen ein, ersetzt das Wasser und bildet ein stabiles Stützgerüst, das die Form des Objekts beim anschliessenden, sehr langsamen Trocknen erhält. Dieser Prozess ist entscheidend, um die Informationen zu bewahren, die im Holz stecken – von Bearbeitungsspuren bis hin zu den Jahresringen für die Dendrochronologie.

Um die noch im See befindlichen Fundstellen zu schützen, werden auch bauliche Massnahmen ergriffen. Bei der 4700 Jahre alten UNESCO-Welterbestätte Sutz-Lattrigen wurde ein 1,1 Millionen Franken teurer Wellenbrecher errichtet. Taucher legten zuerst schützende Kokosmatten über die archäologischen Schichten, bevor grosse Steinblöcke platziert wurden, um die zerstörerische Kraft der Wellen zu brechen. Solche Massnahmen zeigen: Der Schutz unseres Erbes erfordert sowohl filigrane Laborarbeit als auch schwere Ingenieurskunst.

Polyethylenglykol-Konservierung von prähistorischem Holz im archäologischen Labor

Die Abbildung zeigt den entscheidenden Moment, in dem die flüssige PEG-Lösung in die Poren des prähistorischen Holzes eindringt. Man kann fast zusehen, wie die fragile, dunkle organische Struktur stabilisiert und für die Zukunft gerettet wird. Jeder Kubikzentimeter dieses Holzes ist ein Datenträger, der uns Geschichten aus der Jungsteinzeit erzählt, die wir nur durch solche aufwendigen Methoden lesbar machen können.

Was müssen Sie tun, wenn Sie beim Wandern eine römische Münze finden?

Die Frage ist symbolisch, denn das Prinzip gilt für jeden archäologischen Zufallsfund, sei es eine römische Münze im Wald oder ein bearbeiteter Silex am Seeufer. Die wichtigste Regel lautet: Fundort ist Fundkontext. Ein Objekt ohne seinen genauen Kontext verliert 90% seines wissenschaftlichen Wertes. Es wird von einem historischen Dokument zu einem blossen „alten Ding“. Ihre erste und wichtigste Handlung ist also: nichts tun. Lassen Sie das Objekt genau dort, wo es ist. Der Archäologische Dienst warnt davor, dass durch unsachgemässe Bergung und illegale Sondengänger über 5000 Jahre alte Pfahlbauüberreste unwiederbringlich zerstört werden.

Das richtige Vorgehen ist ein Akt des Bürgersinns, der uns Archäologen hilft, die materielle Erzählung unserer Vergangenheit zu rekonstruieren. Wenn Sie einen potenziellen Fund machen, werden Sie zu einem entscheidenden Partner der Wissenschaft. Dokumentieren Sie den Fundort so präzise wie möglich. Machen Sie Fotos mit Ihrem Handy aus verschiedenen Perspektiven und legen Sie einen Referenzgegenstand (wie eine Münze oder einen Schlüssel) daneben, um die Grösse zu verdeutlichen. Notieren Sie die GPS-Koordinaten oder beschreiben Sie den Ort so detailliert wie möglich. Erst dann sollten Sie die zuständige Kantonsarchäologie kontaktieren.

Dieses Vorgehen schützt nicht nur das Objekt, sondern auch die unsichtbaren Informationen, die es umgeben: die Bodenschicht, in der es lag (Stratigraphie), und die Beziehung zu anderen, vielleicht unscheinbaren Funden in der Nähe. Nur so können wir feststellen, ob die Münze zufällig verloren wurde oder Teil eines Schatzes, einer Siedlung oder eines Grabes war. Jeder Fund ist ein Puzzleteil, und Sie sind derjenige, der dafür sorgt, dass es nicht verloren geht.

Aktionsplan bei einem archäologischen Zufallsfund

  1. Fundort sichern: Belassen Sie das Objekt exakt an seiner Fundstelle. Verändern Sie nichts und graben Sie nicht weiter.
  2. Position dokumentieren: Notieren Sie die exakten GPS-Koordinaten mit Ihrem Smartphone oder fertigen Sie eine detaillierte Skizze der Umgebung an.
  3. Visuell festhalten: Machen Sie mehrere Fotos aus verschiedenen Winkeln. Platzieren Sie einen Gegenstand mit bekannter Grösse (z.B. eine 1-Franken-Münze) als Massstab daneben.
  4. Behörden informieren: Kontaktieren Sie umgehend die Kantonsarchäologie Ihres Kantons (für Bern: 031 633 98 00) und schildern Sie Ihren Fund.
  5. Diskretion wahren: Machen Sie den Fundort nicht öffentlich bekannt, um ihn vor Plünderungen durch illegale Schatzsucher zu schützen.

Wie Museen sicherstellen, dass ihre Artefakte nicht aus Raubkunst stammen?

Die Frage der Provenienz – der Herkunft eines Objekts – ist in der Museumswelt zentral. Bei prähistorischen Funden wie denen vom Bielersee stellt sie sich jedoch anders. Hier geht es weniger um Raubkunst im Sinne von Nazi-Gold, sondern um das Verständnis uralter Handelsnetzwerke und die Sicherstellung, dass Funde nicht aus illegalen Grabungen stammen. Die „Biografie“ eines Artefakts zu kennen, ist der Schlüssel zu seiner Interpretation. Ein Objekt ist nicht nur ein Ding; es ist der Endpunkt einer langen Reise von Rohstoffen und Ideen, die das Konzept eines „vernetzten Neolithikums“ beweisen.

Ein spektakuläres Beispiel für diese weitreichenden Verbindungen ist eine unscheinbare, 3 Gramm schwere Pfeilspitze aus der Bronzezeit, die in Mörigen am Bielersee gefunden wurde. Moderne Isotopenanalysen im Labor enthüllten eine Sensation: Das Eisen stammt nicht von der Erde. Es ist meteoritisches Eisen. Die Forschung konnte seine Zusammensetzung sogar einem spezifischen Einschlag zuordnen: dem Kaalijarv-Meteoriten, der um 1500 v. Chr. in Estland niederging. Dieser Fund belegt eine Handels- oder Wissensverbindung über mehr als 2000 Kilometer und gehört, wie eine Studie aufzeigt, zu einer von nur etwa 50 bis 60 solcher bekannten Pfeilspitzen in ganz Eurasien.

Solche Entdeckungen sind nur durch eine lückenlose Dokumentation vom Fundort bis ins Museum möglich. Fehlt diese Kette, könnte das Objekt aus einer illegalen Grabung stammen und sein wissenschaftlicher Wert wäre massiv geschmälert. Die Provenienzforschung bei prähistorischen Objekten ist also weniger eine juristische als eine wissenschaftliche Notwendigkeit. Sie sichert die Integrität unserer Daten und erlaubt es uns, die materiellen Erzählungen von Mobilität und Austausch zu schreiben, die in jedem Artefakt verborgen sind. Ein Forschungsprojekt der Universität Bern fasst dieses Ziel treffend zusammen:

Mobilities, Entanglements and Transformations in Neolithic Societies of the Swiss Plateau (3900–3500 BC)

– Schweizerischer Nationalfonds, Forschungsprojekt Universität Bern

Die „saubere“ Herkunft ist also die Garantie dafür, dass wir die Verflechtungen und Transformationen der damaligen Gesellschaften korrekt rekonstruieren können, anstatt nur isolierte Objekte ohne ihre Geschichte zu betrachten.

Warum eine Fibel mehr über den Handelsstatus einer Frau aussagt als ein Skelett?

Ein menschliches Skelett ist für uns Archäologen eine unschätzbare Informationsquelle. Die Osteologie kann uns Geschlecht, ungefähres Alter, Krankheiten, Mangelernährung und manchmal sogar die Todesursache verraten. Doch über den sozialen Status, den Beruf oder die Verbindungen einer Person schweigen die Knochen. Hier kommt die materielle Erzählung ins Spiel, die von den Objekten ausgeht, die eine Person bei sich trug. Eine Fibel – eine prähistorische Sicherheitsnadel zum Schliessen von Kleidung – ist ein Paradebeispiel dafür.

Erstens: Das Material und die Form der Fibel selbst sind ein Indikator für Status und Herkunft. Eine einfache Bronzefibel erzählt eine andere Geschichte als eine kunstvoll mit Bernstein aus dem Ostseeraum verzierte. Archäologische Funde zeigen, dass bereits in der Bronzezeit Bernstein aus dem Ostseeraum bis nach Nordafrika gehandelt wurde – eine Distanz von über 3000 km. Eine Frau, die ein solches Importgut trug, war zweifellos Teil einer wohlhabenden und vernetzten Elite.

Zweitens, und das ist das eigentliche Wunder der Pfahlbaufunde: Im feuchten Milieu des Sees überdauern an Metallobjekten oft organische Reste. Die Korrosionsprodukte des Metalls wirken wie ein Konservierungsmittel für Textilfasern. An einer Fibel können wir also plötzlich Spuren des ursprünglichen Gewebes finden. Diese mikroskopisch kleinen Reste erlauben es uns, die Art der Faser (Wolle, Leinen), die Webtechnik und manchmal sogar die Farbe zu bestimmen. Wir erfahren etwas über die hoch entwickelte Textiltechnologie, die diese Frau nutzte oder herstellte. Die Pfahlbauten sind somit ein einmaliges Archiv der Jungstein- und Bronzezeit Europas, gerade weil sie diese fragilen organischen Funde bewahren.

Ein Skelett erzählt die biologische Geschichte eines Menschen. Eine Fibel erzählt seine kulturelle und wirtschaftliche Geschichte. Sie ist ein Knotenpunkt, der Informationen über Technologie, Kunst, Handel und sozialen Status miteinander verbindet – eine materielle Biografie, die weit über das hinausgeht, was Knochen uns je verraten könnten.

Checkliste: Wie Artefakte ihre Geschichte erzählen

  1. Kontext analysieren: Wo genau wurde das Objekt gefunden? Die Position innerhalb einer Siedlung oder eines Grabes gibt erste Hinweise auf seine Funktion und Bedeutung.
  2. Material bestimmen: Woraus besteht das Artefakt (z.B. lokaler Silex, importierter Bernstein)? Die Herkunft des Rohmaterials ist der erste Beweis für Handelsnetzwerke.
  3. Technologie untersuchen: Welche Werkzeuge und Techniken waren für die Herstellung notwendig? Bearbeitungsspuren verraten das technologische Niveau der Gesellschaft.
  4. Form und Verzierung deuten: Ist das Design rein funktional oder gibt es Verzierungen? Symbole und Stile können regionale Zugehörigkeiten oder Glaubensvorstellungen anzeigen.
  5. Gebrauchsspuren lesen: Abnutzungsspuren, Reparaturen oder absichtliche Zerstörungen erzählen die „Lebensgeschichte“ des Objekts von seiner Nutzung bis zu seiner Entsorgung.

Wann können Sie die Schätze sehen, die nicht in der Vitrine liegen?

Die glänzenden Artefakte in den Museumsvitrinen sind nur die Spitze des Eisbergs – vielleicht 5% dessen, was tatsächlich gehoben wurde. Die überwältigende Mehrheit der Funde, von Keramikscherben über Tierknochen bis hin zu unzähligen Holzfragmenten, lagert in den Depots der archäologischen Dienste. Diese Depots sind keine staubigen Keller, sondern hochspezialisierte Labore und Bibliotheken des Wissens. Hier findet die eigentliche wissenschaftliche Arbeit statt: das Sortieren, Katalogisieren, Analysieren und Zusammensetzen der Puzzleteile unserer Vergangenheit. Der Zugang zu diesem „Archiv unter Wasser“ ist naturgemäss eingeschränkt, aber nicht unmöglich.

Für die breite Öffentlichkeit gibt es gezielte Gelegenheiten, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen. Viele Institutionen organisieren Tage der offenen Tür oder spezielle Führungen durch ihre Depots und Restaurierungslabors. Diese Momente sind einzigartig, weil sie den Prozess der Archäologie sichtbar machen. Sie sehen nicht nur das fertige Collier, sondern auch die 500 unscheinbaren Scherben, aus denen es vielleicht mühsam rekonstruiert wurde. Es ist eine Chance, den Forschern über die Schulter zu schauen und die Dimensionen der Fundmengen zu begreifen.

Darüber hinaus gibt es spezialisierte Museen und Ausstellungen, die sich auf die Vermittlung der Pfahlbaukultur konzentrieren. Einige bieten sogar direkten, wenn auch regulierten, Zugang zu den Fundstellen. Die fortschreitende Digitalisierung schafft zudem neue Wege: Viele Museen stellen heute hochauflösende 3D-Modelle ihrer wichtigsten Objekte online zur Verfügung. So können Sie virtuell ein 5000 Jahre altes Steinbeil von allen Seiten betrachten, was in einer physischen Vitrine unmöglich wäre.

Archäologisches Depot mit Pfahlbaufunden in Klimaschränken

Ein Blick in ein modernes archäologisches Depot zeigt Reihen von Klimaschränken und Schubladen. Jede einzelne enthält ein Stück Geschichte, sorgfältig verpackt und katalogisiert, bereit für zukünftige Forschungsfragen mit vielleicht noch unbekannten Technologien. Hier ruhen die wahren Schätze, die darauf warten, ihre Geschichten zu erzählen. Die folgenden Möglichkeiten bieten einen Weg in diese verborgene Welt:

Ihr Weg zu den verborgenen Sammlungen

  • Geführte Tauchgänge und Besichtigungen: Institutionen wie die Tauchbasis Sutz-Lattrigen bieten nach Voranmeldung Führungen zu den geschützten Fundstellen an.
  • Spezielle Events: Halten Sie Ausschau nach den jährlichen Jubiläumsveranstaltungen zum UNESCO-Welterbe, die oft besondere Programme beinhalten.
  • Tage der offenen Tür: Der Archäologische Dienst Bern und andere kantonale Stellen öffnen periodisch ihre Depots und Labore für die Öffentlichkeit.
  • Digitale Sammlungen: Museen wie das Schwab Museum in Biel oder das Pfahlbaumuseum in Twann bieten zunehmend Online-Zugang zu 3D-Modellen ihrer Sammlungen.
  • Private Sammlungen besuchen: Einige historische Sammlungen, wie die von Dr. Carl Irlet im Fraubrunnenhaus Twann, sind ebenfalls zugänglich.

Der historische Irrtum über Wilhelm Tell, den viele Schweizer immer noch glauben

Wilhelm Tell ist ein potenter Gründungsmythos der Schweiz, ein Symbol für Freiheit und Widerstand. Doch als Archäologe muss ich eine klare Trennlinie ziehen: Tell ist eine literarische Figur aus einer Sage, die erstmals Jahrhunderte nach den angeblichen Ereignissen um 1307 aufgeschrieben wurde. Die Pfahlbauer vom Bielersee hingegen sind eine wissenschaftlich belegte Realität. Archäologische Datierungen, insbesondere die Dendrochronologie, belegen, dass die Siedlungen in Sutz-Lattrigen zwischen 3830 und 3560 v. Chr. existierten. Das sind über 4500 Jahre vor der Tell-Sage.

Das Festhalten am Tell-Mythos bei gleichzeitiger Ignoranz gegenüber der viel älteren, fassbaren Geschichte der Pfahlbauer ist ein historisches Paradox. Während Tell eine einfache, heroische Erzählung bietet, konfrontieren uns die Pfahlbauten mit einer komplexen, aber wahren Vergangenheit. Sie erzählen nicht von einem einzelnen Helden, sondern von Tausenden von Menschen, von ihrem Alltag, ihrer Technologie, ihren europaweiten Handelsnetzen und ihrer Anpassung an die Umwelt. Dies ist die wahre, tiefe Geschichte der „ersten Schweizer“.

Dr. Regine Stapfer, eine führende Archäologin auf diesem Gebiet, bringt diesen Kontrast auf den Punkt. Ihre Aussage unterstreicht den fundamentalen Unterschied zwischen einem nationalen Mythos und der wissenschaftlichen Evidenz:

Die Pfahlbauten sind belegbare, wissenschaftliche Fakten, die unser Verständnis der ‚ersten Schweizer‘ fundamental und faktenbasiert verändern.

– Dr. Regine Stapfer, Die Ufersiedlungen von Sutz-Lattrigen, 2023

Der wahre Wert der Pfahlbaufunde liegt darin, dass sie uns von der Notwendigkeit befreien, unsere Identität auf Legenden zu gründen. Sie geben uns eine echte, viel ältere und international vernetzte Herkunftsgeschichte. Die Geschichte der Pfahlbauer ist vielleicht weniger dramatisch als ein Apfelschuss, aber sie ist unendlich reicher, komplexer und vor allem: Sie ist unsere.

Warum wir uns Fakten besser merken, wenn wir sie virtuell ‚anfassen‘?

Die reine Präsentation von Fakten und Artefakten hinter Glas stösst oft an ihre Grenzen. Unser Gehirn ist nicht darauf ausgelegt, abstrakte Informationen passiv aufzunehmen. Es lernt am besten durch Interaktion und Erfahrung. Dieses Prinzip, bekannt als „embodied cognition“ (verkörperte Erkenntnis), besagt, dass unser Denken tief mit unseren körperlichen Erfahrungen verbunden ist. Wenn wir etwas „anfassen“, sei es real oder virtuell, wird Wissen von einer abstrakten Information zu einer konkreten Erinnerung. Aus diesem Grund setzen Museen und Archäologen vermehrt auf interaktive Vermittlungsformen.

Ein hervorragendes Beispiel dafür ist die Experimentalarchäologie. Im Rahmen von Programmen wie „Werken wie die Pfahlbauer*innen“ können Besucher selbst Hand anlegen. Wenn Sie versuchen, mit einem scharfen Silex-Splitter ein Stück Holz zu schnitzen oder auf heissen Steinen ein Fladenbrot backen, das nach prähistorischem Rezept hergestellt wurde, passiert etwas Magisches. Der intellektuelle Fakt „die Pfahlbauer nutzten Silexwerkzeuge“ wird zu einer körperlichen Erfahrung von Widerstand, Textur und Geruch. Diese multisensorische Erfahrung verankert das Wissen tief in unserem Gedächtnis.

Digitale Technologien wie 3D-Modelle bieten eine ähnliche, wenn auch virtuelle, Form des „Anfassens“. Die Kantonsarchäologie Zürich zeigt, dass bereits sieben UNESCO-Welterbe-Pfahlbauten im Kanton Zürich durch digitale 3D-Modelle vermittelt werden. Wenn Sie am Bildschirm ein 5000 Jahre altes Beil drehen und wenden, es von allen Seiten betrachten und die feinen Bearbeitungsspuren heranzoomen können, aktivieren Sie dieselben räumlichen und motorischen Areale im Gehirn wie bei einer echten Interaktion. Sie werden vom passiven Betrachter zum aktiven Entdecker. Dieser methodische Zeitsprung in der Vermittlung ist der Schlüssel, um die Faszination der Archäologie greifbar zu machen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Verletzliches Archiv: Die Pfahlbauten sind ein extrem fragiles Unterwasserarchiv, dessen Erhaltung eine Kombination aus Hightech-Konservierung (PEG) und Ingenieurbau erfordert.
  • Vernetzte Welt: Die Funde beweisen, dass die neolithischen Gesellschaften keine isolierten Stämme, sondern Teil eines komplexen, europaweiten Handels- und Kulturnetzwerks waren.
  • Materie erzählt Geschichte: Artefakte wie Fibeln liefern durch Material, Design und anhaftende organische Reste oft mehr soziale und technologische Informationen als menschliche Überreste allein.

Wie AR-Apps historische Ausstellungen für die Generation Alpha spannend machen?

Die Generation Alpha, aufgewachsen mit Smartphones und Tablets, interagiert mit der Welt auf eine fundamental visuelle und interaktive Weise. Für sie ist die Grenze zwischen physischer und digitaler Realität fliessend. Um diese zukünftigen Generationen für ein so komplexes Thema wie die Pfahlbaukultur zu begeistern, müssen wir ihre Sprache sprechen. Augmented Reality (AR) ist hierbei nicht nur ein Gimmick, sondern ein mächtiges Werkzeug der archäologischen Vermittlung. Es ermöglicht uns, den finalen Schritt im methodischen Zeitsprung zu vollziehen: die wissenschaftlichen Daten zurück in eine erlebbare Realität zu übersetzen.

Stellen Sie sich vor, Sie stehen in einem Museum vor einer Vitrine mit einem unscheinbaren, verkohlten Klumpen. Die Beschriftung sagt: „5500 Jahre altes Brot aus Twann“. Mit einer AR-App auf Ihrem Handy könnten Sie das Exponat scannen und auf Ihrem Bildschirm würde der Backofen erscheinen, in dem es gebacken wurde. Sie würden sehen, wie das Getreide gemahlen, der Teig geknetet und das Brot auf heisse Steine gelegt wird. Die abstrakte Information wird zu einer lebendigen, dreidimensionalen Szene. AR überlagert die physische Realität mit digitalen Informationen und macht so die unsichtbaren Geschichten hinter den Objekten sichtbar.

Dieses transnationale Weltkulturerbe umfasst 111 Pfahlbau-Fundstellen in sechs Ländern. AR-Anwendungen haben das Potenzial, diese verstreuten Orte zu einem zusammenhängenden Erlebnis zu verbinden und die komplexen Forschungsergebnisse auf eine intuitive, spielerische Weise zu vermitteln. Es geht darum, Neugier zu wecken und den Entdeckergeist zu fördern, der auch uns Archäologen antreibt.

Kinder erkunden prähistorische Artefakte in einem interaktiven Museumsworkshop

Letztendlich ist die Nutzung von Technologien wie AR die logische Fortsetzung der archäologischen Arbeit. Unser Ziel war es immer, die Vergangenheit zu rekonstruieren und ihre Geschichten zu erzählen. Früher taten wir das mit Zeichnungen, dann mit Fotos und physischen Modellen. Heute nutzen wir digitale Werkzeuge. Sie erlauben es uns, das reiche, aber fragile Archiv unter Wasser in eine immersive und verständliche materielle Erzählung für das 21. Jahrhundert zu verwandeln.

Die Zukunft der Vergangenheit liegt in der Art, wie wir ihre Geschichten erzählen. Die Frage, wie wir Ausstellungen für die nächste Generation spannend machen, entscheidet darüber, ob dieses Erbe lebendig bleibt.

Indem wir die wissenschaftlichen Fakten hinter den Pfahlbauten nicht nur präsentieren, sondern erlebbar machen, sichern wir das faszinierende Erbe unserer vernetzten Vorfahren. Der nächste Schritt besteht darin, diese Erkenntnisse aktiv in die Bildungslandschaft zu integrieren und die Museen als lebendige Lernorte der Zukunft zu gestalten.

Geschrieben von Flavia Caviezel, Kulturanthropologin und Outdoor-Guide mit Spezialisierung auf den Alpenraum. Kennerin lokaler Bräuche, nachhaltigen Tourismus und die versteckten Juwelen der Schweizer Kantone.