Nachhaltige Tourismuserlebnisse in der atemberaubenden Berglandschaft Graubündens
Veröffentlicht am März 15, 2024

Nachhaltiges Reisen in Graubünden ist eine aktive Partnerschaft mit der Region, kein passiver Konsum.

  • Ihre Entscheide – von der Hotelwahl bis zum Einkauf – lenken die Wertschöpfung direkt zu den lokalen Akteuren.
  • Aktives Mitwirken und das Respektieren unsichtbarer Grenzen schützen das sensible alpine Ökosystem wirksamer als blosse Anwesenheit.
  • Eine ganzheitliche Sicht, die Mobilität, Bauweise und soziales Engagement einschliesst, definiert den wahren Wert Ihrer Reise.

Empfehlung: Konzentrieren Sie sich auf regenerative Beiträge wie Freiwilligenarbeit und den direkten Austausch, statt nur auf die Reduktion Ihres Fussabdrucks.

Die Vorstellung von Graubünden weckt Bilder von unberührten Berggipfeln, kristallklaren Seen und einer Natur, die in ihrer majestätischen Ruhe fast heilig wirkt. Als umweltbewusster Reisender ist der erste Impuls klar: Man möchte diesen Ort schützen, indem man möglichst unsichtbar bleibt. Die gängigen Ratschläge sind schnell zur Hand: mit dem Zug anreisen, regionale Produkte kaufen, den Müll wieder mitnehmen. Diese Massnahmen sind wichtig und bilden die Grundlage des verantwortungsvollen Tourismus.

Doch sie kratzen nur an der Oberfläche dessen, was wirklich möglich ist. Was wäre, wenn Ihr Urlaub nicht nur keine negativen Spuren hinterlässt, sondern aktiv positive Spuren schafft? Wenn Sie vom passiven Konsumenten, der versucht, möglichst wenig Schaden anzurichten, zum aktiven Partner einer Region werden, die auf ein fragiles Gleichgewicht zwischen Ökologie, Ökonomie und Kultur angewiesen ist? Die wahre Essenz des nachhaltigen Reisens in Graubünden liegt nicht in der reinen Vermeidung, sondern im bewussten Beitrag.

Dieser Wandel in der Perspektive ist der Schlüssel. Es geht darum, zu verstehen, dass jede Entscheidung – von der Wahl des Gütesiegels Ihres Hotels bis zur Frage, wo Ihr Geld am Ende des Tages landet – eine direkte Auswirkung hat. Es geht darum, die unsichtbaren Zusammenhänge zu erkennen: Warum ein Verbot, die Wege zu verlassen, die Tierwelt schützt und gleichzeitig Ihr Erlebnis bereichert, oder wie die Unterstützung einer kleinen Alpkäserei das Überleben einer ganzen Talschaft sichert.

Dieser Artikel führt Sie über die Grundlagen des Ökotourismus hinaus. Er zeigt Ihnen konkrete und oft überraschende Wege auf, wie Sie Ihren Aufenthalt in Graubünden zu einem regenerativen Erlebnis machen können – für die Natur, für die lokale Bevölkerung und letztlich auch für Sie selbst. Wir beleuchten, welchen Labels Sie wirklich vertrauen können, wie Sie Ihr Feriengeld gezielt in die lokale Wertschöpfungskette lenken und wie Sie sogar selbst Hand anlegen können, um die einzigartige Kulturlandschaft der Alpen zu bewahren.

Ibex Fairstay oder Bio-Hotels: Welchem Label können Sie wirklich vertrauen?

Die Auswahl an Hotels, die sich mit Nachhaltigkeit schmücken, ist riesig. Doch oft verbirgt sich hinter blumigen Worten reines Greenwashing. Um als Reisender eine wirklich fundierte Entscheidung zu treffen, braucht es einen Blick hinter die Fassade der Labels. Der Schlüssel liegt darin, ganzheitliche Zertifizierungen von solchen zu unterscheiden, die nur einzelne Aspekte abdecken. Ein Label wie Bio-Hotels beispielsweise garantiert Ihnen exzellente ökologische Standards, vor allem bei Lebensmitteln und Kosmetik. Dies ist ein wichtiger Baustein, aber noch nicht das ganze Bild.

Im Gegensatz dazu verfolgen Labels wie ibex fairstay einen umfassenderen Ansatz. Wie eine vergleichende Analyse der Labels zeigt, bewerten sie einen Betrieb in fünf Dimensionen: Management, Ökologie, Regionalität, Soziales und Finanzen. Das bedeutet, es wird nicht nur gefragt, ob das Hotel Energie spart, sondern auch, ob es faire Löhne zahlt, lokale Lieferanten bevorzugt und wirtschaftlich solide aufgestellt ist. Ein Hotel, das die Auszeichnung ibex fairstay silver oder gold trägt, beweist ein tiefgreifendes und geprüftes Engagement, das weit über den Austausch von Glühbirnen hinausgeht.

Die Unterscheidung ist entscheidend für Ihren Beitrag zur regionalen Nachhaltigkeit. Ein Hotel, das auf ein ganzheitliches Label setzt, wird zu einem echten Partner der Region, indem es soziale Strukturen stärkt und die lokale Wirtschaft fördert. Achten Sie auf Transparenz: Seriöse Labels machen ihre Kriterien öffentlich und lassen die Betriebe von unabhängigen Dritten vor Ort auditieren. Ein jährliches oder mehrjähriges Rezertifizierungsverfahren ist ein weiteres Zeichen für die Ernsthaftigkeit des Labels.

Der folgende Vergleich zeigt die Hauptunterschiede der wichtigsten Schweizer Labels auf, um Ihnen die Wahl zu erleichtern:

Vergleich der wichtigsten Schweizer Nachhaltigkeitslabels für Hotels
Label Dimensionen Prüfung Gültigkeit Besonderheiten
ibex fairstay 5: Management, Ökologie, Regionalität, Soziales, Finanzen Vor-Ort-Audit durch unabhängige Prüfer 3 Jahre 4 Stufen (bronze, silver, gold, platinum), Swisstainable Level III anerkannt
Bio-Hotels Hauptfokus: Ökologie, Bio-Lebensmittel Zertifizierung Bio-Standards Jährlich 100% Bio-Lebensmittel, Naturkosmetik
Steinbock-Label (Vorgänger) Umwelt, Regionalität Regionale Prüfung 3 Jahre Seit 2012 zu ibex fairstay weiterentwickelt

Warum Sie im Nationalpark die Wege niemals verlassen dürfen (und was es kostet)?

Der Schweizerische Nationalpark ist mit einer Fläche von über 170,3 km² das grösste und älteste Wildnisgebiet der Alpen. Sein oberstes Gebot ist einfach und absolut: „Natur Natur sein lassen“. Das bedeutet, dass die Wege unter keinen Umständen verlassen werden dürfen. Diese Regel mag für manche Besucher restriktiv erscheinen, doch sie ist der Schlüssel zum Schutz des sensiblen alpinen Ökosystems und paradoxerweise auch zu einem intensiveren Naturerlebnis. Der Grund liegt im Konzept der Fluchtdistanz.

Jedes Wildtier hat eine unsichtbare Grenze um sich herum. Wird diese von einem Menschen überschritten, löst das Stress aus und zwingt das Tier zur Flucht. Diese Flucht verbraucht wertvolle Energiereserven, die besonders im harten alpinen Winter überlebenswichtig sind. Wenn sich Wanderer strikt an die vorgegebenen Wege halten, lernen die Tiere, dass von den Menschen auf diesen Pfaden keine Gefahr ausgeht. Ihre Fluchtdistanz verringert sich, und sie bleiben auch bei Annäherung ruhig. Das Resultat sind einzigartige Beobachtungsmöglichkeiten von Steinböcken, Gämsen und Murmeltieren aus nächster Nähe, die in anderen Gebieten undenkbar wären.

Visualisierung der unsichtbaren Stresszonen um Wildtiere im Schweizer Nationalpark

Wie dieses Bild symbolisch darstellt, erzeugt jede Abweichung vom Weg eine „Störungswelle“ im Lebensraum der Tiere. Das Verlassen der Wege ist daher kein Kavaliersdelikt. Es wird von den Parkwächtern konsequent geahndet und kann Bussen im dreistelligen Frankenbereich nach sich ziehen. Doch der wahre „Preis“ ist weitaus höher: Er wird von der Natur bezahlt, in Form von gestressten Tieren und gestörten ökologischen Prozessen. Das strikte Weggebot ist somit kein Hindernis, sondern eine bewusste Partnerschaft zwischen Mensch und Natur, die den Fortbestand dieser einzigartigen Wildnis sichert.

Wie Sie sicherstellen, dass Ihr Feriengeld bei den Bergbauern bleibt?

Der Tourismus ist das wirtschaftliche Rückgrat Graubündens. Er generiert eine immense Bruttowertschöpfung und sichert laut Schätzungen direkt oder indirekt einen Grossteil der Arbeitsplätze. Doch wie viel von diesem Geld fliesst tatsächlich zurück in die lokalen Strukturen, insbesondere zur Berglandwirtschaft, die das Landschaftsbild so entscheidend prägt? Als bewusster Reisender haben Sie die Macht, diese Geldflüsse direkt zu beeinflussen und eine echte Wertschöpfungspartnerschaft mit den Bergbauern einzugehen.

Der einfachste Weg ist der direkte Einkauf. Statt im grossen Supermarkt im Tal einzukaufen, suchen Sie gezielt nach Hofläden, Alpkäsereien und Wochenmärkten wie dem in Chur. Hier kaufen Sie nicht nur frische, qualitativ hochstehende Produkte, sondern unterstützen die Produzenten ohne Zwischenhändler. Fragen Sie auch im Restaurant aktiv nach der Herkunft der Produkte. Die Frage „Ist dieser Käse von einer lokalen Alp?“ signalisiert nicht nur Ihr Interesse, sondern motiviert auch die Gastronomen, ihre Lieferketten regional auszurichten. Initiativen wie graubündenVIVA vernetzen gezielt Gastronomie und Landwirtschaft, um genau diese regionalen Kreisläufe zu stärken.

Noch direkter wird Ihr Beitrag, wenn Sie Erlebnisse statt nur Produkte kaufen. Viele Bauernhöfe bieten Führungen, Alpkäserei-Besuche oder sogar Mithilfe bei der Ernte an. Diese Erlebnisse schaffen nicht nur unvergessliche Erinnerungen, sondern auch ein tieferes Verständnis für die harte Arbeit und die Herausforderungen der Berglandwirtschaft. Sie transformieren die rein transaktionale Beziehung „Kunde kauft Produkt“ in eine persönliche Begegnung und einen echten Austausch.

Ihr Aktionsplan zur Unterstützung der lokalen Wertschöpfung

  1. Kontaktpunkte identifizieren: Recherchieren Sie vor Ihrer Reise Hofläden, Märkte und Alpkäsereien in Ihrer Ferienregion (z.B. über graubuenden.ch/kulinarik).
  2. Einkaufsverhalten anpassen: Planen Sie mindestens einen Einkauf pro Woche direkt ab Hof oder auf einem Markt, um Grundnahrungsmittel wie Käse, Brot, Eier und Fleisch zu beziehen.
  3. Nachhaltigkeit im Restaurant einfordern: Fragen Sie in mindestens zwei Restaurants gezielt nach der Herkunft von Fleisch und Käse und bevorzugen Sie Betriebe, die lokale Partner ausweisen.
  4. Erlebnisse buchen statt nur konsumieren: Integrieren Sie mindestens ein landwirtschaftliches Erlebnis in Ihr Programm (z.B. Besuch einer Schaukäserei, Kräuterwanderung mit einer Bäuerin).
  5. Langfristig engagieren: Informieren Sie sich über Crowdfunding-Projekte oder Genossenschaftsanteile (z.B. von Alpkäsereien), um die Berglandwirtschaft über Ihren Urlaub hinaus zu stützen.

Carsharing in den Alpen: Welche Täler sind auch ohne eigenes Auto mobil?

Die Anreise mit dem eigenen Auto scheint in den weitläufigen Tälern Graubündens oft die einfachste Lösung. Doch sie ist auch einer der grössten Faktoren für den ökologischen Fussabdruck eines Urlaubs. Die gute Nachricht: Graubünden verfügt über eines der dichtesten Netze des öffentlichen Verkehrs weltweit und fördert aktiv die kombinierte E-Mobilität. Eine autofreie Reise ist nicht nur möglich, sondern eröffnet oft eine intensivere und entspanntere Art, die Landschaft zu erleben.

Das Rückgrat der Mobilität bildet das ikonische gelbe PostAuto, das selbst entlegene Seitentäler zuverlässig bedient. In Kombination mit dem Netz der Rhätischen Bahn (RhB) erreichen Sie fast jeden Ausgangspunkt für Wanderungen und Ausflüge. Für die „letzte Meile“ zu abgelegenen Alpen oder Wanderparkplätzen gibt es in vielen Regionen flexible Lösungen wie Rufbusse (z.B. Bus alpin). Die SBB Mobile App ist dabei Ihr unverzichtbarer Begleiter, da sie die Fahrpläne aller Anbieter in Echtzeit integriert und die Planung spielend einfach macht.

Für maximale Flexibilität vor Ort, ohne auf ein eigenes Auto angewiesen zu sein, spielen Carsharing-Anbieter wie Mobility eine entscheidende Rolle. In Kooperation mit Graubünden Ferien werden die Standorte stetig ausgebaut, sodass Sie an vielen Bahnhöfen und in grösseren Ortschaften unkompliziert ein Fahrzeug für einen Tagesausflug mieten können. Dies ist besonders praktisch, wenn Sie schwere Ausrüstung transportieren oder Orte besuchen möchten, die nicht im Minutentakt angefahren werden. Ergänzt wird dieses Angebot durch ein wachsendes Netz an E-Bike-Verleihstationen, die sich perfekt für Erkundungen im nahen Umkreis eignen. Eine autofreie Reise erfordert etwas mehr Planung, belohnt aber mit neuen Perspektiven und einem deutlich reduzierten CO2-Ausstoss.

Wie Sie bei der Alppflege helfen können, statt nur zu konsumieren?

Der ultimative Schritt vom passiven Konsumenten zum aktiven Partner der Region ist die freiwillige Mithilfe. Anstatt die gepflegte Kulturlandschaft nur als schöne Kulisse für Wanderungen zu geniessen, können Sie einen regenerativen Beitrag leisten, indem Sie selbst Hand anlegen. Dieses Engagement schafft eine tiefere Verbindung zur Region und ein unbezahlbares Gefühl, etwas Dauerhaftes und Sinnvolles geschaffen zu haben.

Eine der bekanntesten Möglichkeiten ist die Teilnahme an einer Einsatzwoche des Bergwaldprojekts. Hier helfen Sie unter fachkundiger Anleitung bei der Pflege von Schutzwäldern, dem Bau von Lawinenverbauungen oder der Wiederherstellung von Mooren. Die Arbeit ist körperlich anstrengend, aber die Erfahrung, im Team einen sichtbaren Beitrag zum Schutz vor Naturgefahren zu leisten, ist einzigartig. Für kürzere Einsätze organisieren viele lokale Tourismusvereine „Plogging“-Wanderungen, bei denen während des Wanderns Müll gesammelt wird – eine einfache, aber wirkungsvolle Geste.

Freiwillige bei der Pflege von Bergwiesen in den Bündner Alpen

Neben dem Schutz des Waldes ist der Erhalt der traditionellen Kulturlandschaft essenziell. Kurse zum Trockenmauerbau vermitteln eine jahrhundertealte Handwerkskunst und helfen, diese wichtigen Strukturelemente in der Landschaft zu erhalten. Wer sich für die Tierwelt interessiert, kann an „Citizen Science“-Projekten der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) teilnehmen und durch gezielte Beobachtungen wertvolle Daten für die Forschung liefern. Diese Form der aktiven Teilnahme verändert die Perspektive radikal: Die Landschaft wird vom Konsumgut zum schützenswerten Partner, für dessen Erhalt man sich persönlich einsetzt.

Wie Sie das Schweizer Recyclingsystem korrekt nutzen, um die Kreislaufwirtschaft zu stützen?

Die Schweiz ist Weltmeisterin im Recycling. Das System ist hocheffizient, aber für Aussenstehende oft komplex. Die korrekte Nutzung ist jedoch ein einfacher und zugleich fundamentaler Beitrag zur Kreislaufwirtschaft und ein Zeichen des Respekts gegenüber der lokalen Gemeinschaft. In einer Ferienwohnung oder einem Hotel fallen zwangsläufig Abfälle an. Ein Zero-Waste-Ansatz beginnt schon bei der Planung: Nehmen Sie wiederverwendbare Einkaufstaschen, Gemüsenetze und eine Trinkflasche mit. Das Schweizer Leitungswasser ist von exzellenter Qualität und kann bedenkenlos überall getrunken werden.

Der Schlüssel zum Erfolg liegt in der konsequenten Trennung. Das System basiert auf dem Prinzip, dass Wertstoffe an verschiedenen Orten gesammelt werden. Anders als in vielen Ländern gibt es keine einheitliche „gelbe Tonne“. PET-Getränkeflaschen können in jedem Supermarkt zurückgegeben werden. Glas wird in der Regel in öffentlichen Containern im Dorf gesammelt, strikt getrennt nach den Farben Weiss, Braun und Grün. Aluminiumdosen und Konserven aus Weissblech haben ebenfalls ihre eigenen Sammelcontainer. Papier und Karton werden oft an spezifischen Tagen von der Gemeinde abgeholt und müssen gebündelt bereitgestellt werden.

Die grösste Herausforderung für Gäste ist oft, die nächstgelegene Sammelstelle zu finden. Hier hilft die „Recycling Map“ App, die Standorte in der ganzen Schweiz anzeigt. Indem Sie dieses System korrekt nutzen, reduzieren Sie nicht nur das Abfallvolumen, sondern stellen sicher, dass wertvolle Rohstoffe im Kreislauf bleiben. Es ist ein kleiner Aufwand mit grosser Wirkung und zeigt, dass Sie die lokale Infrastruktur und die Bemühungen um eine nachhaltige Ressourcennutzung ernst nehmen.

Die folgende Tabelle gibt einen schnellen Überblick über die wichtigsten Regeln:

Schweizer Recyclingsystem – Was gehört wohin?
Material Sammelstelle Wichtige Regeln Recyclingquote CH
PET-Flaschen Jeder Supermarkt Nur Getränkeflaschen, ausgespült 83%
Glas Container im Dorf Nach Farben trennen (weiss, braun, grün) 96%
Aluminium Spezielle Container Dosen ausspülen 91%
Papier/Karton Monatliche Sammlung Gebündelt, kein beschichtetes Papier 82%

Minergie-ECO oder SNBS: Welches Label deckt auch gesundheitliche Aspekte ab?

Nachhaltigkeit bei Gebäuden wird oft fälschlicherweise nur mit Energieeffizienz gleichgesetzt. Ein geringer Heizbedarf ist zwar wichtig, doch eine wirklich ganzheitliche Verantwortung umfasst auch die Gesundheit und das Wohlbefinden der Menschen, die sich in diesen Gebäuden aufhalten. Bei der Wahl einer nachhaltigen Unterkunft lohnt es sich daher, die verschiedenen Schweizer Baustandards zu verstehen, insbesondere wenn gesundheitliche Aspekte für Sie eine Rolle spielen.

Das bekannte Minergie-Label, insbesondere in seiner höchsten Ausprägung Minergie-P, fokussiert primär auf eine exzellente Gebäudehülle und einen minimalen Energieverbrauch. Der Zusatz Minergie-ECO erweitert diesen Fokus bereits entscheidend, indem er strenge Anforderungen an eine gesunde und ökologische Bauweise stellt. Dazu gehören Kriterien wie die Optimierung des Tageslichts, erhöhter Schallschutz und vor allem die Vermeidung von schädlichen Baustoffen wie Lösungsmitteln oder Formaldehyd. Für Allergiker oder gesundheitssensible Menschen ist ein nach Minergie-ECO zertifiziertes Gebäude bereits eine sehr gute Wahl.

Noch einen Schritt weiter geht der SNBS (Standard Nachhaltiges Bauen Schweiz). Dieses Label bewertet ein Gebäude nicht isoliert, sondern betrachtet es im Kontext seines gesamten Lebenszyklus und seiner Umgebung. Wie die Schweizer Gesellschaft für Nachhaltige Immobilienwirtschaft in ihrem Kriterienkatalog betont:

Der SNBS (Standard Nachhaltiges Bauen Schweiz) geht über die reine Gebäudehülle hinaus und bewertet auch den Standort, die soziale Durchmischung und die Wirtschaftlichkeit über den gesamten Lebenszyklus.

– Schweizer Gesellschaft für Nachhaltige Immobilienwirtschaft, SNBS Kriterienkatalog 2023

Konkret bedeutet das, dass der SNBS auch Kriterien wie die Anbindung an den öffentlichen Verkehr, die Förderung der Biodiversität am Standort oder die Barrierefreiheit bewertet. Ein nach SNBS zertifiziertes Hotel bietet somit nicht nur eine gesunde und energieeffiziente Hülle, sondern ist auch Teil eines durchdachten, nachhaltigen Gesamtkonzepts. Die Wahl eines solchen Betriebs ist ein starkes Statement für eine umfassende Nachhaltigkeit, die den Menschen und die Umwelt gleichermassen in den Mittelpunkt stellt.

Vergleich Schweizer Gebäudelabels mit Gesundheitsfokus
Label Energieeffizienz Schadstoffe Tageslicht Schallschutz Standortqualität
Minergie-ECO Sehr hoch Strenge Vorgaben Optimiert Erhöht Nicht bewertet
SNBS Hoch Berücksichtigt Bewertet Bewertet ÖV-Anbindung bewertet
Minergie-P Höchste Stufe Basis Standard Standard Nicht bewertet

Das Wichtigste in Kürze

  • Ganzheitliche Labels wählen: Vertrauen Sie auf geprüfte, mehrdimensionale Zertifizierungen wie ibex fairstay, die über reine Ökologie hinaus auch soziale und wirtschaftliche Aspekte bewerten.
  • Lokale Kreisläufe direkt stärken: Ihr Geld hat die grösste Wirkung, wenn Sie es durch Einkäufe ab Hof, auf Märkten und in inhabergeführten Betrieben gezielt in der Region halten.
  • Vom Konsumenten zum Akteur werden: Aktive Mithilfe bei Projekten wie der Alppflege oder im Bergwald schafft einen unbezahlbaren regenerativen Beitrag und eine tiefere Verbindung zur Landschaft.

Wie Berggemeinden den Spagat zwischen Naturschutz und wirtschaftlichem Überleben schaffen?

Der scheinbare Widerspruch zwischen Massentourismus und unberührter Natur ist eine der grössten Herausforderungen für Graubünden. Doch eine genauere Betrachtung zeigt, dass die Region eine intelligente Strategie verfolgt, um diesen Spagat zu meistern. Wie eine Analyse von Avenir Suisse hervorhebt, ist der Tourismus für viele Berggemeinden nicht nur ein Wirtschaftszweig, sondern die existenzielle Grundlage zur Sicherung von Lebensqualität, Sozialstrukturen und kulturellen Traditionen. Ohne Tourismus drohen Abwanderung und der Verlust der Identität.

Der Schlüssel liegt in der räumlichen Konzentration. Indem sich der intensive Tourismus auf wenige, gut erschlossene Hotspots wie St. Moritz, Davos oder Flims konzentriert, können in der unmittelbaren Umgebung riesige, intakte Natur- und Kulturlandschaften erhalten bleiben. Diese „Opferung“ kleinerer Flächen für eine intensive Nutzung ermöglicht den Schutz und die Ruhe in den weitläufigen Tälern und an den unzähligen Gipfeln, die den wahren qualitativen Wert Graubündens ausmachen. Es ist ein pragmatischer Kompromiss, der das wirtschaftliche Überleben sichert und gleichzeitig grosse Wildnisgebiete bewahrt.

Als Reisender können Sie diese Strategie bewusst unterstützen. Ein Aufenthalt in einem der grossen Resorts finanziert die Infrastruktur, die den Druck von anderen Gebieten nimmt. Umgekehrt bedeutet die bewusste Entscheidung für einen Urlaub in einem ruhigeren Seitental, dass Sie die dezentralen Strukturen stärken und zur Vielfalt der Angebote beitragen. Die Bündner Regierung unterstützt diesen Weg aktiv, indem sie beispielsweise gezielt Investitionen von mehreren hunderttausend Franken in ein Umsetzungsprogramm für Nachhaltigkeit tätigt. Dieses Programm zielt darauf ab, die Balance zwischen Ökologie, Ökonomie und Gesellschaft langfristig zu sichern und Graubünden als führende Destination für qualitativen, nachhaltigen Alpentourismus zu positionieren.

Das Verständnis für dieses komplexe Zusammenspiel ist entscheidend, um die Rolle des Tourismus als Motor für den Erhalt der Region wertzuschätzen.

Planen Sie Ihre nächste Reise nach Graubünden nicht nur als Gast, sondern als Partner. Jeder bewusste Entscheid – von der Buchung eines zertifizierten Hotels bis zur Teilnahme an einem Freiwilligenprojekt – trägt aktiv zum Erhalt und zur Regeneration dieses einzigartigen alpinen Lebensraums bei.

Geschrieben von Flavia Caviezel, Kulturanthropologin und Outdoor-Guide mit Spezialisierung auf den Alpenraum. Kennerin lokaler Bräuche, nachhaltigen Tourismus und die versteckten Juwelen der Schweizer Kantone.